Ausstellungstext „Geschichte des Anarchismus in Ludwigsburg und Umgebung“

Im Folgenden findest du den Ausstellungstext ohne Bilder. Die Ausstellung war vom 1.Februar 2017 bis 1. April 2017 im DemoZ Ludwigsburg zu sehen. Wie in der Einleitung zur Ausstellung schon angemerkt, sind die einzelnen Zeitabschnitte noch sehr unvollständig. Wir sehen deshalb diese Übersicht eher als erste Bestandsaufnahme und lediglich als Zwischenstand. Über weitere Hinweise, Korrekturen und Anmerkungen freuen wir uns immer. Du kannst dich entweder per e-mail (lb-hoch2@riseup.net) an uns wenden oder sprichst uns auf Veranstaltungen persönlich an. Ein paar Hinweise haben wir schon erhalten: a) Der Anarchistische Bund Maulwurf könnte erst 1989 gegründet worden sein um dann ab 1990 in die FAU Ludwigsburg überzugehen. b) Konstanz liegt in Baden und nicht wie im Ausstellungstext falsch geschrieben in Württemberg. c) Die FVDG (Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften) trug seit 1901 diesen Namen und nicht seit 1903. Außerdem hat uns in der Zwischenzeit das Stadtarchiv Bietigheim weitere Hinweise zu Wilhelm Klink herausgesucht. Diese sind noch nicht in diesem Text eingearbeitet. Vielen Dank an alle für diese Hinweise.

 

Geschichte des Anarchismus in Ludwigsburg und Umgebung

Eine Ausstellung des Libertären Bündnisses Ludwigsburg

 

Einleitende Worte zur Ausstellung

Mit dieser Lokalstudie soll eine erste Bestandsaufnahme über die anarchistischen Aktivitäten und Projekte in Ludwigsburg und Umgebung geleistet werden. Unseres Kenntnisstands zufolge existiert eine solche Zusammenstellung noch nicht. Wir als hier organisierte Anarchist*innen möchten die anarchistische Tradition der Vergangenheit und Gegenwart erforschen und unsere Erkenntnisse anderen zur Verfügung stellen.

Diese Ausstellung soll eine erste Übersicht des lokalen Anarchismus vermitteln. Sie stellt dabei nur einen ersten Zwischenstand unserer Recherchen dar. Zu vielen Projekten liegen uns wenige Informationen vor. Deshalb sehen wir diese Ausstellung auch als Mittel um mit den Besucher*innen ins Gespräch zu kommen und weitere Informationen und Erkenntnisse zusammenzutragen. Und wir wollen dazu aufrufen: Schließt mit uns die vorhandenen Wissenslücken! Zu mehreren Projekten in den 1980ern und 1990ern fehlen grundlegende Informationen.

Wie wurden die Informationen dieser Ausstellung zusammengetragen? Durch Anfragen verschiedener lokaler und bewegungsgeschichtlicher Archive sowie eigenen Archiv-Recherchen; durch die Auswertung eines größeren Teils der vorhandenen Literatur zur Geschichte des Anarchismus; zuletzt durch die Befragung von (wenigen) Personen, die in oder am Rand der anarchistischen Bewegung im Großraum Stuttgart aktiv waren.

In die Ausstellung wurden alle Projekte aufgenommen, die sich als anarchistisch verstanden haben. Es gab viele weitere Projekte (vor allem ab den 1970ern), die sich nicht explizit anarchistisch verorten würden (sondern z.B. anti-autoritär, autonom, selbstverwaltet, nicht-hierarchisch oder strömungsübergreifend) und bei denen auch Anarchist*innen mitgemacht haben. Diese Projekte wurden nicht in die Ausstellung aufgenommen um sie nicht für eine Richtung zu vereinnahmen.

Eine weitere Organisationsstruktur, die nicht in die Ausstellung aufgenommen wurde, ist die Organisation der Freiwirtschaftsbünde. Sie beziehen sich auf die Lehren Silvio Gesells und hatten ihren Bundesvorstandssitz in Ludwigsburg-Eglosheim (kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs für mehrere Jahre). Die Bewegung der Freiwirtschaftsbünde wird von manchen Historiker*innen als anarchistisch bezeichnet, ordnet sich selbst aber nicht als anarchistisch ein. Diese Bewegung ist bis heute innerhalb der (historischen) anarchistischen Bewegung sehr umstritten.

Die Zeit des Kaiserreichs von 1871-1918

Der Anarchismus fasst Fuß in Deutschland

Als sich anarchistische Ideen im deutschen Kaiserreich in den 1870ern auszubreiten begannen, gab es weder organisierte Gruppen noch praktische Aktivitäten. Grundlage der beginnenden Organisierung waren die Kontakte mit organisierten anarchistischen Gruppen und Einzelpersonen in der Schweiz (genauer: mit der französischsprachigen Jura-Föderation und den Gebieten der deutschsprachigen Kantone). Eine erste Föderation anarchistischer Einzelpersonen 1877 (die „Anarchistische Partei“) war nur in wenigen Städten verankert (Leipzig, München, Berlin, Magdeburg). Im Südwesten des Kaiserreichs war die Föderation nicht vertreten.

Erst die Rundreisen von Anarchist*innen (in der Regel Männer) von der Schweiz in den Südwesten Anfang der 1880er Jahre (z.B. nach Stuttgart) sorgten für eine spürbare Verbreitung anarchistischer Ideen: Es entstanden erste Gruppen und anarchistische Zeitungen wurden bezogen. Diese Entwicklung war im gesamten Kaiserreich zu beobachten. Allerdings gab es neben der Herausgabe von wenigen (bundesweit verbreiteten) Zeitungen und der Gründung von Lokalgruppen und Diskussionsrunden, die gelegentlich auch Redner*innenabende veranstalten) nahezu keine weiteren anarchistischen Aktivitäten im Kaiserreich. Parallel dazu organisierten sich anarchistisch gesinnte Arbeiter*innen in lokalistischen (Basis-) Gewerkschaften. 1897 schlossen sich diese lokalistischen Ortsgewerkschaften zu einer reichsweiten Organisation (Vertrauensmänner-Zentralisation Deutschlands, ab 1903: Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften) zusammen.

Im Großraum Stuttgart standen ab Mitte der 1880er bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur Anarchist*innen aus Stuttgart mit anderen anarchistischen Gruppen im Kaiserreich in Kontakt.

Anarchist*innen der Region Ludwigsburg aus dieser Zeit sind nicht bekannt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es verstärkt Versuche (vor allem von Gruppen in Nord- und Mitteldeutschland) eine reichsweite Organisation unter den Anarchist*innen herzustellen. Diese Aufbauversuche einer anarchistischen Föderation scheiterten jedoch.

Die Gründung der „Deutschen Föderation revolutionärer Arbeiter“ (D.F.R.A.) 1901

Eine weitere Initiative zur Föderationsgründung ging von der Region Ludwigsburg aus: Genauer gesagt aus dem 10km von Ludwigsburg entfernten Bietigheim. Hier lebte um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert der Bürstenmacher Wilhelm Klink. Er hatte zunächst (1899) die Vorstellung eine Zusammenarbeit aller Anarchist*innen Deutschlands zu organisieren und zusätzlich noch weitere Parteien und Gewerkschaften einzubinden. Ein Jahr später kam er jedoch von diesem weitschweifigen Organisationsversuch ab und konzentrierte sich auf die Errichtung einer rein anarchistischen Föderation.

Wilhelm Klink 1899:

Auf zur Tat! Heran da, heraus an die Öffentlichkeit und so mitgearbeitet, dass wir unserem Ideal näher kommen. Zuerst muss der falsch aufgefasste Individualismus fallen gelassen werden und müssten sich die Genossen organisieren, und die Organisation so gestalten, dass sie unseren Anschauungen nicht zuwider läuft. Aufgabe dieser freien Vereinigung muss es sein für Agitation, Aufklärung und Bildung unter den Genossen zu sorgen und diese einer höheren geistigen Kultur zuzuführen. Wirtschaftliche Kampfesorganisationen müssen hervorgerufen und lokal organisiert werden; mit dem starren gewerkschaftlichen Zentralismus, welcher ein Hemmschuh der Bewegung ist, muss gebrochen werden“

Der Vorschlag Klinks zur Bildung von vier Föderationen im Kaiserreich (Süddeutschland, Schlesien, Rheinland-Westfalen, Norddeutschland mit Berlin) scheiterte am Widerstand von Anarchist*innen aus Berlin. So begann er sein Vorhaben zunächst im Aufbau einer Föderation für Süddeutschland. Auf einem Treffen von Anarchist*innen aus Württemberg im Sommer 1900 wurde die „Süddeutsche Föderation“ gegründet. Außerdem sollte ein Agitationskomitee in Bietigheim ins Leben gerufen werden. Dieses Komitee sollte eine „freiheitliche Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung“ hervorbringen. Beschlossen wurde dies von 10 Anarchist*innen aus 4 Städten. Ende 1900 waren 10 Städte der „Süddeutschen Föderation“ beigetreten. Spätestens im August 1900 gab es auch einen „freien Gewerkschaftsverein“, bei dem Wilhelm Klink eine Zeit lang den Vorsitz inne hatte.

Die „Süddeutsche Föderation“ unterhielt über ihre Region hinaus Verbindungpersonen nach Berlin und Schlesien. Mit einem formalisierten Prozess bezüglich der Bildung von Ortsgruppen und deren Verbindung mittels Kontaktpersonen zur Föderation, sowie dem Aufbau überregionaler Strukturen der Föderation (Geschäftsperson, Kontroll- und Beschwerdeperson, Verbindungspersonen der Ortsgruppen als Geschäftsleitung), gewann die Gründung einer reichsweiten Föderation an Struktur.

Den ersten Endpunkt dieses Aufbauprozesses markierte die erste Konferenz der „Deutschen Föderation revolutionärer Arbeiter“ (D.F.R.A.) am 7. und 8. April 1901 in Bietigheim und Gablenberg. Anwesend waren 21 Delegierte aus folgenden Orten: Bietigheim, Stuttgart, Heilbronn, Mainz, Wiesbaden, Köln, München, Görlitz, Rixdorf, Berlin, Leipzig, Halle, Hirschberg in Schlesien. Sympathiezuschriften kamen aus Mannheim, Düsseldorf, Solingen, Reutlingen, Graz und Basel. Auf dieser Konferenz wurde zum Teil heftig darum gerungen wo künftig das politische Zentrum der Föderationsbewegung liegen sollte (in Bietigheim oder Berlin). Und auch wenn sich 1902 die D.F.R.A. in zwei Föderationen spaltete, lässt sich festhalten: Die 1. Konferenz der D.F.R.A. stärkte den anarchistischen Föderationsgedanken und hatte damit wesentlichen Anteil daran, dass sich die (verstreuten) Anarchist*innen im deutschen Kaiserreich zusammenschlossen und es auch in den kommen Jahren bis zum 1. Weltkrieg anarchistische Föderationen im deutschen Kaiserreich gab.

In Württemberg waren bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs 1918 nur in Heilbronn und Stuttgart kontinuierliche und mit anderen Gruppen vernetzte anarchistische Organisationsstrukturen zu beobachten. Ludwigsburg wird lediglich innerhalb einer Diskussion zur Organisationsfrage erwähnt: In der Diskussion ging es um die Frage, ob Anarchist*innen sich in den syndikalistischen Gewerkschaften organisieren sollten oder als anarchistische Zusammenschlüsse. Damit zusammen hing die überregionale Organisation dieser Gruppen bzw. Gewerkschaften in der „Anarchistischen Föderation Deutschlands“ oder der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“. Ludwigsburg wird in Zusammenhang mit folgender Aussage erwähnt: „Der Syndikalismus darf nicht den Anarchismus schwächen, wie es leider in manchen Städten zu bemerken ist“ (1909). Dies sei laut dem Anarchisten Scheurer aus Heilbronn in Ludwigsburg der Fall (1910). Es kann daher daraus geschlossen werden, dass es zu dieser Zeit auch schon Anarchist*innen in Ludwigsburg gab. Genauere Informationen zu deren Anzahl, Treffpunkte, Aktivitäten und Organisiertheit ließen sich nicht finden.

In den 1920ern: Syndikalistisch-anarchistische Jugend Ludwigsburg

Allgemeines zur Syndikalistisch-anarchistischen Jugend Deutschlands (SAJD)

Die SAJD war eine Föderation von syndikalistisch-anarchistischen Jugendgruppen in Deutschland. Die Föderation bestand von 1921-1933.

Die SAJD teilte die gewerkschaftliche Ausrichtung mit der „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ (FAUD – eine Gewerkschaftsföderation nach anarchistischen Prinzipien), und stand ihr nahe. Dies kam unter anderem darin zum Ausdruck, dass ältere SAJD-Aktive in die lokale FAUD-Gruppe wechselten. Auch die Organisationsstruktur übernahm die SAJD von der FAUD. Dennoch waren die SAJD-Gruppen von der FAUD in ihren Entscheidungen und Aktivitäten unabhängig.

Der Mitgliederzuwachs der SAJD-Gruppen verlief etwa Mitte der 1920er Jahre ähnlich wie der personelle Aufschwung der FAUD: 1923 gab es ca. 57 SAJD-Ortsgruppen mit durchschnittlich 25 Personen pro Gruppe. Zu Beginn des Jahres 1924 ging die Polizei von ca. 3000 bis 4000 SAJD-Aktiven aus. Anfang 1925 gingen die Zahlen jedoch schon wieder auf 2500-3000 Aktive zurück, die sich in 120 Ortsgruppen organisierten. Obwohl vor allem an Rhein und Ruhr ein organisatorischer Schwerpunkt der Gruppen lag, war die SAJD zu ihren organisatorischen Hochzeiten in allen Gegenden Deutschlands vertreten.

In Württemberg gab es 1923 SAJD-Ortsgruppen in Böckingen (bei Heilbronn), Feuerbach, Ludwigsburg, Stuttgart-Gablenberg, Ulm und Konstanz. 1925 reduzierte sich deren Anzahl: Nach Polizeiangaben gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch SAJD-Ortsgruppen in Stuttgart (3 Gruppen), Ulm und Konstanz.

Die Ausrichtung und Tätigkeitsbereiche der SAJD

Die SAJD-Gruppen befürworteten das Konzept des Klassenkampfs und sahen in der betrieblich-gewerkschaftlichen Arbeit ein wichtiges Werkzeug für die soziale Revolution. Gleichzeitig orientierten sie sich auch am anarchistischen Kommunismus, der maßgeblich durch Peter Kropotkin geprägt -war- wurde. Sinnbildlich für die Verbindung der syndikalistischen und der anarcho-kommunistischen Strömung erkannten die SAJD-Gruppen die Prinzipienerklärung sowohl der FAUD als auch der FKAD (Föderation kommunistisch-anarchistischer Anarchisten Deutschlands) an.

Weitere wichtige Grundlagen lagen im strikten Antimilitarismus und einer antiautoritären Haltung, welche Kirche, Staat, Kapitalismus und andere Herrschaftsformen ablehnte. Außerdem waren die Gedanken der Freidenkerbewegung stark verbreitet.

In der Praxis wurde diese ideologische Grundlage durch folgende Aktivitäten im Bildungs- und Kulturbereich umgesetzt: Politische Bildung, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Kundgebungen, Demonstrationen, Reichsferienlager, Sommer- und Wintersonnenwendfeiern, gemeinsame Wanderungen, Singen und Musizieren, Theater und Aufklärungsarbeit. Betrieblich-gewerkschaftliche Arbeit fand erst Anfang der 1930er Jahre vermehrt statt.

Zwei Zeitungen wurden von der SAJD herausgegeben: „Die junge Menschheit“ und ab 1923 „Junge Anarchisten“ mit einer Auflage von 5000 Exemplaren.

Die SAJ Ludwigsburg um 1923

Als einzige bisher verfügbare Quelle wird die SAJ-Ortsgruppe Ludwigsburg in einem internen Rundbrief der SAJD 1923 genannt. Der genaue Zeitraum des Bestehens der Gruppe aus Ludwigsburg ist unbekannt. Er kann jedoch eingegrenzt werden zwischen 1921 und vermutlich 1925 (da in einem Polizeibericht von 1925 die Ludwigsburger Ortsgruppe nicht mehr genannt wird).

Neue anarchistische Lebenszeichen in Ludwigsburg: Die 1980er

Während der Nazi-Dikatatur 1933-1945 gab es auch von Anarchist*innen aktive Widerstandshandlungen. Und auch Anarchist*innen wurden während der Nazi-Dikatur politisch verfolgt, eingesperrt oder ermordet. Die wenigen in Deutschland überlebenden Anarchist*innen mussten nach 1945 komplett von vorne beginnen und ihre zerstörten Organisationstrukturen wieder aufbauen.

Zumeist betätigten sich diejenigen Anarchist*innen, die schon vor 1933 aktiv organisiert waren. Neue junge Leute in größerer Anzahl kamen erst im Zuge des Aufkommens der neuen sozialen Bewegungen der 1960er Jahre in der BRD hinzu. Diese neuen sozialen Bewegungen waren stark antiautoritär und zum Teil auch anarchistisch geprägt. Nach unserem Kenntnisstand gab es in Ludwigsburg erst in den 1980er Jahren wieder Projekte und Gruppen, die sich sich explizit als anarchistisch bezeichneten.

1984-1985 wurde die anarchistische Schülerzeitung „Eulenspiegel“ an Ludwigsburger Schulen verbreitet. Leider sind uns weder Inhalt, noch Auflage oder Informationen zu den Herausgeber*innen bekannt.

1986 wurde der „Anarchistische Bund Maulwurf Ludwigsburg (ABM/LB) gegründet. Das Kürzel nahm Bezug auf die damals vom Arbeitsamt angeordneten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Zu den Aktivitäten der Gruppe konnten wir nichts herausfinden.

Aktivitäten der ASJ Stuttgart in Ludwigsburg 1990-1993

Die anarcho-syndikalistische Jugend (ASJ) Stuttgart bestand von 1990-1993. In ihr kamen mehrere Duzent Jugendliche aus Stuttgart und den umliegenden Städten/Gemeinden zusammen. Auch aus Ludwigsburg waren Jugendliche in der ASJ Stuttgart beteiligt. Die meisten lokalen Aktivitäten der Gruppe haben in Stuttgart stattgefunden, einige Aktionen davon auch in Ludwigsburg. Im Folgenden werden ein paar Beispiele benannt:

Bundestagswahl 1990

Die Bundestagswahl 1990 fand am 2.12. statt. Martin Veith schreibt in seinem Buch „Eine Revolution für die Anarchie“ dazu: „Am Wahltag selbst fanden die Wahlhelfer verschiedener Ortschaften die Zugänge zu den Räumlichkeiten durch Sekundenkleber und andere Hilfsmittel versperrt. Die Feuerwehr musste sie in einigen Fällen gewaltsam öffnen. In Stuttgart, Schorndorf, Bietigheim und Ludwigsburg waren des Nachts Parolen gegen die Wahlen an den entsprechenden Lokalen gesprüht worden“

Mord an Eberhard Arnold und antifaschistische Bündnisarbeit

Am 21.10.1990 griffen Nazis nach einem Basketballspiel zwischen Ulm und Ludwigsburg abreisende Ulm-Fans am Bahnhof Ludwigsburg an. Sie warfen Brandsätze (Molotow-Cocktails) in die Menschenmenge und trieben damit Eberhard Arnold vor eine einfahrende S-Bahn. Er wurde von der Bahn überrollt und starb.

An der am 27.10. stattgefundenen Demonstration in Ludwigsburg unter dem Motto „Trauer und Wut – der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ waren neben Autonomen und Jugendgruppen auch Anarchist*innen beteiligt. 200 Leute nahmen an der Demonstration teil.

Im Zuge der sich verschärfenden mörderischen und gewalttätigen Aktivitäten der Neonazis Anfang der 1990er Jahre in der ganzen BRD gründeten sich viele lokale antifaschistische Bündnisse. In Ludwigsburg gab es das Bündnis AUA (= Aktiv und Antifa), in dem auch Anarchist*innen mitwirkten.

Aktion Wahlboykott 1994 – auch in Ludwigsburg

Im Vorfeld der Bundestagswahl 1994 schlossen sich mehrere anarchistische Gruppen und FAU-Gruppen aus Stuttgart, Göppingen, Kirchheim (Teck), Ludwigsburg, Tübingen und Heilbronn zusammen. Dieses Bündnis rief zum aktiven Wahlboykott auf und stellte ihren Gegenentwurf einer anarchistischen Gesellschaft in den Vordergrund. Neben verschiedener Aufkleber wurden thematisch passende Flugblätter zu den Themen „Frauen“, „Nazis“ und der „sozialen Frage“ erstellt. Diese Flugblätter wurden in allen oben genannten Städten in den Wohnvierteln mit hohen Erwerblosenzahlen in Briefkästen verteilt. Zusätzlich gab es einen Infostand in der Kirchheimer Innenstadt.

Die FAU Ludwigsburg 1990-1998

In den Jahren 1990 – 1998 existierte die Freie ArbeiterInnen Union Ludwigsburg (FAU LB).

Die FAU ist eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft. Sie besteht aus unabhängigen lokalen Gewerkschaften. Die Entscheidungen werden von der Basis getroffen. In den 1990ern war die FAU Ludwigsburg nicht die einzige FAU-Lokalgewerkschaft im Großraum Stuttgart: Weitere FAU-Gruppen und Kontakte gab es in Göppingen (1994-2001), Kirchheim (Teck) (1993-1995), Nürtingen (1999), Schorndorf (1990-1993) und Stuttgart (1983-2005).

Zu Aktivitäten der FAU Ludwigsburg konnten wir bis auf die Beteiligung an der „Aktion Wahlboykott“ 1994 (siehe ASJ Stuttgart) keine Informationen finden. Lediglich die Beteiligung am „Anarchistischen Plenum Stuttgart“ ist dokumentiert. Das anarchistische Plenum war ein regelmäßiges Treffen von anarchistischen Gruppen aus der Region Stuttgart zum gemeinsamen Austausch und zur Koordination von Aktionen.

Das Libertäre Bündnis Ludwigsburg 2007-heute

Das Libertäre Bündnis Ludwigsburg ( (LB)² ) wurde 2007 gegründet.

(LB)² versteht sich als Teil der anarchistischen/antiautoritären und sozialrevolutionären Bewegung, die die Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt abschaffen und alle Herrschaftsformen überwinden will. Die Gruppe ist auf mehreren Ebenen (lokal, regional, international) mit weiteren anarchistischen Gruppen und Organisationen vernetzt und verfolgt einen strömungsübergreifenden (synthetizistischen) Ansatz innerhalb des Anarchismus. Bei (LB)² überwiegt der anarcho-kommunistische Ansatz. Die Gruppe arbeitet im Konsensprinzip, was sowohl die Entscheidungsfindung für Gruppenaktivitäten, als auch die Zusammenarbeit innerhalb der Vernetzungen betrifft.

Um die oben benannten Ziele zu erreichen wird (LB)² in unterschiedlichen Bereichen aktiv. Die Bandbreite der Aktivitäten umfasst beispielsweise die Beteiligung an sozialen Kämpfen als auch an Abwehrkämpfen gegen die Verbreitung menschenverachtender Einstellungen und rechter Ideologien. Ebenfalls wichtiger Bastandteil ist die kulturelle und bildungspolitische Arbeit in Form von Veranstaltungen wie Vorträgen, Lesungen, Antifa-Cafés und weiteren kulturellen und politschen Darbietungen in Räumlichkeiten als auch auf der Straße. Anarchistische Ideale sollen schon im Hier und Jetzt in die Praxis umgesetzt werden. Folgende Schwerpunkte und regelmäßige Aktivitäten haben sich über die Jahre herausgebildet:

Anarchistische Vernetzung – Arbeitsinhalte, Aktionen, Projekte und Kampagnen

Neben einer losen Vernetzung zu anderen lokalen anarchistischen Gruppen (wie zur FAU Stuttgart oder zum Anarchistische Vernetzungstreffen Stuttgart) ist (LB)² seit 2011 in der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen organisiert – einem Zusammenschluss von mittlerweile ca. 30 anarchistischen Gruppen und Projekten in Deutschland und der Schweiz. Auf FdA-Ebene gab es z.B. die gemeinsame Kampagne gegen den G7-Gipfel 2015 in Elmau oder die Organisation des Kongresses der Internationalen der Anarchistischen Föderationen in Frankfurt am Main 2016. Mitglieder von (LB)² sind seit Jahren in der Redaktion der Föderationszeitung „Gaidao“ aktiv (Aboverwaltung, Layout, Lektorat, Übersetzung).

Die Gruppe ist ebenfalls im anarchistischen Netzwerk Südwest* organisiert. Diese Vernetzung auf regionaler Ebene besteht offiziell seit 2010 und wurde von (LB)² mit gegründet. Die wichtigsten Aktivitäten dieses Zusammenschlusses von aktuell 6 anarchistischen Gruppen aus Baden-Württemberg und der Pfalz waren: Organisation von zwei anarchistischen Demonstrationen in Karlsruhe (2011) und Mannheim (2012) sowie die Bündnisdemonstration mit unterschiedlichen antiautoritären Gruppen gegen die Einheitsfeierlichkeiten zum 3.Oktober 2013 in Stuttgart; Solidaritätsaktionen, Infoveranstaltungen und Demonstration im Rahmen der Kampagne „Es ist keine Krise – es ist das System“ (zwischen 2011 und 2012); die Erstellung der Broschüre „Anarchismus – Eine Einführung“, die mittlerweile in 2. Auflage mit insgesamt 20.000 Exemplaren quasi vergriffen ist; Mobilisierung und Beteiligung beim europaweiten Aktionstag M31 (2012) sowie die Organisierung einer großen Anzahl an Veranstaltungsrundreisen.

Im Rahmen des anarchistischen Netzwerks Südwest* entstand im Anschluss an das 2012 stattgefundene internationale anarchistische Treffen in St Imier (Schweiz) die Awareness AG. Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es emanzipatorische Konzepte gegen Diskriminierung und Gewalt zu entwerfen und in die Praxis umzusetzen, beispielsweise auf den Action Mond und Sterne Camps 2013, 2014 und 2016. Zum erweiterten Aufgabenbereich der Awareness-AG gehört ebenfalls das Angebot emotionaler erster Hilfe (ähnlich Out of Action) bei Aktionen und Demonstrationen um aufwühlende Situationen, Verletzungen und Traumatisierungen aufzufangen. Mitglieder von (LB)² beteiligen sich seit 2012 in dieser AG.

Anti-Wahl-Kampagne zur Bundestagswahl 2009

Zusammen mit der damals aktiven Libertären Initiative Stuttgart (LISt) wurde eine Anti-Wahl-Kampagne organisiert. Vorträge, eine medial viel beachtete Podiumsdiskussion, eine Ausstellung zu kreativ umgestalteten Wahlscheinen sowie unzählige Aktionen rund um das Thema Wahlkritik sorgten für öffentliche Wahrnehmung über die linksradikale Szene hinaus.

Soziale Kämpfe

Das Libertäre Bündnis Ludwigsburg beteiligte sich bei den Bildungsstreikprotesten 2009 und 2011, den Protesten gegen Stuttgart21 und bei Castorblockaden (2009+2010).

Antifaschismus und Antirassismus

Dieser Bereich war und ist ein Hauptschwerpunkt der Gruppe. Neben der regelmäßigen Beteiligung an lokalen, regionalen und überregionalen Demonstrationen gegen Neonazis und rechte Organisationen gab es weitere Aktivitäten wie beispielsweise die Beteiligung an der Refugees Welcome Demonstration in Karlsruhe 2015 und an den Protesten gegen die sogenannte „Demo für alle“ in Stuttgart seit 2014. In den Bereich Antifaschismus/Antirassismus gehört des Weiteren die Organisation von Vortragsveranstaltungen, der Aktionswoche gegen rechte Aktivitäten im September 2010, die Mitorganisation vom Rock gegen Rechts 2009 (in Bietigheim), 2011, 2015 und 2016 in Ludwigsburg sowie das regelmäßig monatlich stattfindende Antifa-Cafe (AnkaL) im DemoZ-Ludwigsburg (seit 2009) sowie in Bietigheim (im Jahr 2009).

1. Mai in Stuttgart

Seit 2009 beteiligte sich (LB)² jedes Jahr (außer 2016) an der revolutionären 1. Mai-Demonstration in Stuttgart u.a. mit Redebeiträgen.

Kulturelle und bildungspolitische Arbeit

Im DemoZ Ludwigsburg werden regelmäßig mehrmals im Jahr Vortragsveranstaltungen, Lesungen und Filmvorführungen zum Thema Anarchismus, soziale Bewegungen und aktuellen politischen Themen organisiert (z.B. die Vortragsreihe Zapatistas 2009, Veranstaltungsreihe Arbeit 2009, 75 Jahre spanische Revolution 2011/2012, Anarchismusveranstaltungsreihe 2012). Es wurden zwei Ausstellungen (zu Erich Mühsam 2015 und Emma Goldman 2016) erarbeitet. Außerdem fanden immer wieder Kneipenabende, Voküs, Parties und Konzerte statt.

(LB)² hat es seit 2007 geschafft, dass das Thema Anarchismus in der Region Stuttgart präsent zu halten. Die Gruppe dient(e) als Anlaufstelle für am Anarchismus Interessierte Menschen und konnte sich durch ihre langjährige Kontinuität als verlässliche politische Organisation innerhalb der linksradikalen Szene der Region Stuttgart einbringen.

Verwendete Quellen und Rechercheorte

Arbeitsgruppe „30 Jahre FAU“ (Hrsg.) (2008): FAU – Die ersten 30 Jahre 1977-2007. Lich

Bartsch, Günter (1972): Anarchismus in Deutschland. Band 1. Hannover

Degen, Hans-Jürgen (2002): Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation freiheitlicher Sozialisten. Ulm

Döhring, Helge (2006): Syndikalismus im „Ländle“. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) in Württemberg 1918 bis 1933. Lich

Döhring, Helge (2009): Aus den Trümmern empor! Anarcho-Syndikalismus in Württemberg 1933-1956. Lich

Jenrich, Holger (1988): Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985. Grafenau

Linse, Ulrich (1969): Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1971. Berlin

Linse, Ulrich (1976): Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1918-1933. Frankfurt am Main

Seywald, Aiga (1994): Die Presse der sozialen Bewegungen 1918-1933. Essen

Veith, Martin (2009): Eine Revolution für die Anarchie. Zur Geschichte der Anarcho-Syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990 – 1993. Lich

-Stadtarchiv Ludwigsburg

-Staatsarchiv Ludwigsburg

-Stadtarchiv Bietigheim

-Anarchiv Neustadt an der Weinstraße

-Archiv der sozialen Bewegungen Bremen

-Württembergische Landesbibliothek Stuttgart – Bibliothek für Zeitgeschichte

-Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung Berlin

Besonderen Dank geht an Martin Veith und Helge Döhring, die ihr Wissen und ihre Kontakte großzügig weitergegeben haben.