Grundsatztext zu Diskriminierung und Heterosexismus

Der Diskriminierung entgegentreten!

Alles Nazis oder was?

Wir sind gegen die Proteste gegen den Bildungsplan. Doch warum?
Einige bisherige Berichte (Artikel bei linksunten) versteiften sich auf das Thema Neonazis bei den Demonstrierenden gegen den Bildungsplan. Hier halten wir eine differenziertere Betrachtung für notwendig. Neonazis finden zwar klare Anknüpfungspunkte, sind aber nicht die Initiator*innen und stellen auch nicht die Mehrheit der Teilnehmer*innen der Proteste. Die Teilnehmer*innen rekrutieren sich vielmehr aus dem gesamten konservativen und reaktionären Spektrum: Christliche Fundis, PI-News1, Konservative Aktion, AfD, etc. Auch die Russisch-Orthodoxe Gemeinde scheint eine relevante Rolle einzunehmen. Unseres Erachtens ist Heterosexismus und Homophobie ein zentraler Antrieb für die Proteste der Bildungsplan-Gegner*innen, auch wenn sie selbst es leugnen und “nur um das Wohl ihrer Kinder besorgt sind”.
Hier besteht immer die Gefahr: Wenn unsere Kritik zu sehr auf einzelne Akteur*innen abzielt, gibt man den restlichen Demonstrierenden den Raum, sich von diesen Akteur*innen inhaltlich zu distanzieren und ihre “besorgte Eltern”-Scharade weiter zu spielen.

Um an dieser Stelle entgegenzuwirken werden wir uns im Folgenden grundlegend mit den gesellschaftlichen Mechanismen, die hinter den Bildungsplangegner*innen stehen, auseinandersetzen.

Dazu wollen wir gerne etwas weiter ausholen und die ständig stattfindende unterbewusste Kategorisierung der menschlichen Wahrnehmung in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Diskriminierungsformen setzen. Wir erklären die Schlagworte Heteronormativität und Heterosexismus. Erst darauf aufbauend wollen wir die Diskriminierung durch die Bildungsplangegner*innen aufgreifen.

Sind wir neutral?

Wir Menschen aus dem westlichen Europa halten uns gerne für aufgeklärt und objektiv. Was auch immer wir in unserem Alltag tun, wenn wir durch die Straßen laufen und andere Menschen wahrnehmen, beim Fernsehen, im Kino… – überall wo wir andere Menschen erblicken oder mit ihnen in Kontakt treten, nehmen wir von uns an, dass wir in einer relativen Unvoreingenommenheit anderen Menschen gegenüber leben. Sicher, mal gefällt uns eine Frisur nicht oder wir mögen bestimmte Personen nicht besonders. Aber ansonsten sind wir neutral. Oder nicht?

Sozialisation und unterbewusste Kategorisierung

Dabei ist uns meist gar nicht bewusst, dass unser Gehirn ununterbrochen Menschen in Kategorien einteilt:
jugendlich, weiblich, von hier (vermutlich deutsch), dünn, trendy, attraktiv, oder: männlich, dick, mittleren Alters, südländisch, bieder, unattraktiv, vermutlich arm.
Ob im Sinne einer Beschränkung auf das Wesentliche oder aus Zeitmangel angewendet ermöglichen uns Kategorien und Klischees als vereinfachte und verallgemeinerte Vorstellungen über Menschen zunächst einmal Orientierung, Sicherheit und dienen einer schnellen Kommunikation.
Nun wäre theoretisch einer unbewussten Kategorisierung anderer Menschen in unserer Umgebung nichts vorzuwerfen, wäre sie neutral und bei Bedarf flexibel.
Ist sie aber nicht.
Wir nehmen zwar eine eigene Neutralität an, in Wirklichkeit aber wachsen wir in einer von Ungleichheit bestimmten Gesellschaft auf und verinnerlichen Rollen und Diskriminierungsformen. Was ist normal, was ist anders, wer/was sind “wir”, wer/was sind “die anderen”. Dieses Wissen ist ein gesellschaftlicher Code, den viele Menschen seit ihrer frühesten Jugend verinnerlichen und weitergeben. In der Familie, in Freundschaften und Beziehungen, über Medien, Politik, Wissenschaften, Bildung und so weiter.
Sozialisation bezeichnet die Verinnerlichung solcher gesellschaftlicher Normen. Über Sozialisation lernen wir in Kategorien zu denken, die in dem jeweiligen Zusammenhang und der (Entstehungs-)Geschichte unserer gesellschaftlichen Umgebung entstanden sind. Miteinbezogen werden dabei unterschiedliche Kategorien, die den Status und die Anerkennung von Menschen in einer Gesellschaft bestimmen, zum Beispiel: Geschlecht, Hautfarbe, Kultur, soziale Schicht, Background, Behinderung/Nicht-Behinderung, Alter,…Diese Kategorien sind von Menschen gemacht und haben reale Auswirkungen auf die betroffenen Personen.
Der heutige (westeuropäische) gesellschaftliche Ist-Zustand privilegiert Träger*innen bestimmter Eigenschaften (z.B.: männlich, heterosexuell, weiß, deutsch, gut gekleidet, nicht arm). Alle Menschen, die innerhalb dieser Gesellschaft sozialisiert wurden (und damit diese “Privilegien” als positiv und normal verinnerlicht haben), streben nach diesen Eigenschaften. Wenn Menschen diesen gesellschaftlichen “Idealzustand” nicht erfüllen (können oder wollen), werden sie als “anders” kategorisiert. “Anders” meint nicht nur abweichend vom gesellschaftlichen Ist-Zustand, sondern wird gleichzeitig auch negativ bewertet.

Gesellschaftlicher Ausgangspunkt

Wir leben in einer Gesellschaft, in der als „anders“ wahrgenommene Menschen – Menschen die nicht den Wertvorstellungen der dominierenden Mehrheitsgesellschaft entsprechen – Ausgrenzung, Nicht-Anerkennung, und unterschiedliche Formen der Gewalt erfahren.
Unterdrückungsmechanismen wie beispielsweise gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung gehen mit den bestehenden Hierarchien einher, die das Bild unserer Gesellschaft prägen. Sie führen zu Ungleichheit, untermauern bereits bestehende Diskriminierung und erneuern sich ständig selbst. Dieses ständige Erneuern passiert nicht von allein, sondern wird von Menschen bewusst oder unbewusst durchgeführt. Anstatt bestehende Ungleichheit und Hierarchien in Frage zu stellen, grenzt man sich gegen andere Menschen ab und diese aus. Besondere Benachteiligung, Gewalt und Herabwürdigung erfahren Menschen, die aufgrund von Äußerlichkeiten und anderen Merkmalen, ihrer Kultur, (angenommenen) Herkunft, sexueller Orientierung, Behinderungserfahrung, Alter und/oder Geschlecht diskriminiert werden.

Diskriminierung

Ein wesentlicher Bestandteil von Diskriminierung ist die Zusammenfassung und Kategorisierung von Menschen zu Gruppen und der damit verbundenen Unterstellung bestimmter Eigenschaften. Die weit verbreitete Einstellung und Akzeptanz von Vorurteilen, die Menschen betrifft, diese in ihrem Handeln einschränkt und somit reale Auswirkungen auf deren Alltag hat, wird Diskriminierung genannt. 2
Es gibt viele verschiedene Formen der Diskriminierung, die sich gegenseitig überschneiden und bedingen. Gemeinsam haben sie, dass die betroffenen Menschen aufgrund von bestimmten Merkmalen oder ihrer Gruppenzugehörigkeit benachteiligt oder ausgegrenzt werden.
Die als „anders“ wahrgenommene Menschen, jene, die nicht in die allgemein gesellschaftlich anerkannten Wertvorstellungen passen, sind täglich mit Diskriminierung konfrontiert. Gewalttätig ist Diskriminierung immer und kann tiefgreifende Auswirkungen auf die körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit und die Entfaltungsmöglichkeiten der betroffenen Menschen haben.
Wir sehen daher drei Ebenen, auf denen sich die Gewalt durch Diskriminierung manifestiert.
1. Auf individueller Ebene: Hier wird Diskriminierung beispielsweise durch verbale Gewalt in Form von Vorurteilen, Witzen und Bemerkungen ausgedrückt, oder durch direkte körperliche Gewalt.
2. Auf gesellschaftlicher Ebene: etwa in Form von Ausgrenzung und einem allgemein anerkannten Wissen darüber, was natürlich und was unnatürlich ist, wer zu dem “wir” und wer zu “den anderen” gehört; ebenso durch psychische Gewalt wie Nicht-Anerkennung einer Identität und (Be-)hinderung einer persönlichen, individuellen Entfaltung.
3. Auf struktureller und institutioneller Ebene: Die Diskriminierten erfahren keine gleichberechtigte Beteiligung/ Mitgestaltung/ Mitwirkung/ Mitbestimmung an gesellschaftlichen Ressourcen, in sozialen, politischen, materiellen, kulturellen Bereichen.

Heteronormativität und Heterosexismus als Diskriminierungsform

Als Heteronormativität wird ein Geschlechtersystem bezeichnet, bei dem nur zwei Geschlechter, nämlich Mann und Frau, gesellschaftlich zur Norm erhoben werden.
Dabei wird das jeweilige Geschlecht (Mann oder Frau) sowohl mit den gesellschaftlich Rollenvorstellungen von Männern und Frauen verbunden, als auch mit der heterosexuellen Orientierung. Das heißt, dass es bestimmte gesellschaftlich anerkannte Vorstellungen darüber gibt, welche Rollen jeweils Männern und Frauen entsprechen, welche (eher) nicht, und dass die einzige natürliche Beziehungsform eine heterosexuelle Zweierbeziehung zwischen Mann und Frau ist.

Heteronormativität bestimmt somit, was als „normale“ Sexualität gilt und ist gleichzeitig mit den von vielen Menschen verinnerlichten Normen und Vorstellungen bezüglich Körper, Geschlecht, Charakterzuschreibungen, Familie, … verknüpft. Die daraus entstehende Diskriminierungsform wird als Heterosexismus bezeichnet. Sie lässt keine weiteren Sexualitäten und Geschlechter zu.

“Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…”

Wie bereits in der Einleitung erwähnt werfen wir den Bildungsplangegner*innen heterosexistische und homophobe Diskriminierung vor. Unseres Erachtens ist Heterosexismus und Homophobie ein zentraler Antrieb für die Proteste der Bildungsplan-Gegner*innen, auch wenn sie selbst es leugnen und sich als “besorgte Eltern” darstellen.

Die heteronormative Form des Zusammenlebens (Vater, Mutter, Kinder) findet selbstverständlich und selbstbewusst im öffentlichen Raum statt. Andere Konzepte des Zusammenlebens hingegen haben sich im Privaten abzuspielen – und dort auch zu bleiben. Dieses Messen mit zweierlei Maß zeigt sehr deutlich die diskriminierende Haltung der Bildungsplangegner*innen. Das Verschweigen und die Nicht-Anerkennung bestimmter Identitäten ist auch in anderen Bereichen (z.B. Rassismus) ein machtvolles Ausgrenzungs- und Unterdrückungsinstrument.

Die Angst zu schüren, durch die bloße Erwähnung alternativer Sexualitäten und Geschlechterrollen seien Kinder und Familie bedroht, gründet auf Vorurteilen und falschen Unterstellungen, sie ist heterosexistisch und homophob.
Dieser Verbreitung diffuser Ängste und Unterstellungen wollen wir uns entgegenstellen und für gegenseitige Wertschätzung und eine selbstbestimmte Sexualität eintreten.
Wir haben uns dagegen entschieden der Argumentation der Bildungsplangegner*innen weiteren Raum in unserem Text zu geben.

Unsere Kritik

Wir kritisieren die Vorstellung einer natürlich gegebenen Heterosexualität von Mann und Frau und die damit verbundene Heteronormativität in der Gesellschaft.

Wir gehen davon aus, dass Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität immer in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind und aus diesem entstehen.
Dabei werden diese Annahmen durch Medien, Literatur, Musik, … und durch Institutionen wie die Kirche, Schule, (Teile der) Wissenschaft,… als angebliche Wahrheit untermauert.

Diese konstruierte Annahme heterosexueller Mann/ heterosexuelle Frau als einzig gültige Lebensweise empfinden wir als unmenschlich und diskrimierend, da sie aus unserer Sicht nicht der menschlichen Vielfalt gerecht wird.

Bildungsplan

Wir sind uns natürlich der Ironie der seltsamen Ausgangslage bewusst: Wir unterstützen und verteidigen eine Initiative der Landesregierung. Klar ist, dass wir nicht grundsätzlich gut finden, was die Regierung treibt und dass wir den Bildungsplan nur partiell unterstützenswert finden.

Uns ist es jedoch wichtig ein klares Zeichen gegen die reaktionären Kräfte zu setzen, die sich da zusammentummeln, um gegen den Bildungsplan vorzugehen.

Unsere Ansprüche an ein Bildungssystem sind sicherlich andere als die des Staates.
Aber auch das jetzige Bildungssystem sollte neben vielem weiterem den Menschen die nötigen Koordinaten mitgeben an denen sie sich orientieren können und auch Kritik- und Toleranzfähigkeiten vermitteln. Darüber hinaus ist es wichtig, dass jungen Heranwachsenden Wissen und Mittel an die Hand gegeben werden, die sie zur eigenbestimmten unvoreingenommen Selbsterkenntnis eigener Sexualität befähigen. An dieser Stelle begrüßen wir den Ansatz in den Arbeitsversionen des neuen Bildungsplans über alternative Formen bezüglich Sexualität und Geschlecht aufzuklären.
Das Schweigen über oder gar Tabuisieren von bestimmten Formen der Sexualität oder Lebensentwürfen steht einer gesunden selbstbestimmten Entwicklung junger Menschen und ihrer Sexualität entgegen.
Aufklärungsarbeit an Schulen ist also keine „Propaganda”, sondern dient dem ureigenen Interesse aller Kinder.

Was wir wollen

Wir lehnen Hierarchien und die damit einhergehenden Unterdrückungsmechanismen und Diskriminierungen ab. Um diese abschaffen zu können, müssen wir diese erkennen und reflektieren.
Wir wollen Hierarchien bekämpfen, die die Menschen in einer Gesellschaft nach Macht und Nicht-Macht, in höhere und nieder Statusgruppen einteilen.

Hierzu ist es nötig, aktiv zu werden. Dazu gehört auch das Hinterfragen der eigenen Rollen, genaues Hinhören, aufmerksam machen, sich in den Weg stellen, Schreiben, es gibt ganz viele Möglichkeiten… jede*r kann etwas tun!

Ziel ist es, zu einem anderen Umgang der Menschen untereinander zu kommen – jenseits von Diskriminierung, Unterdrückungsmechanismen und Machtstrukturen.

Wenn wir eine Gesellschaft anstreben, in der Vielfalt das gesellschaftliche Bild prägt und unterschiedliche Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander stehen können, hat in dieser Form des Pluralismus Diskriminierung keine Berechtigung. Da Diskriminierung immer gewalttätig ist – auf die ein oder andere Weise – darf ihr kein Raum gelassen werden um sich auszubreiten.

Deshalb stellen wir uns dieser Diskriminierung entschlossen und kreativ entgegen. Auf der Straße, in unserem Alltag und in den Köpfen.

Für die freie Vereinigung freier Individuen.


Fussnoten:

1 Politically Incorrect-News: rechtes, reaktionäres Internetportal

2 Auch auf anderen Wegen wie beispielsweise institutionelle Gewalt kann Diskriminierung entstehen

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