Selbstverständnis

1. Einleitung

Dies ist ein längerer Text, in dem wir einige unserer Grundannahmen und Ideen niedergeschrieben haben.

Wir haben diesen Text geschrieben, weil dem Anarchismus seit langer Zeit ein Stigma anhängt, das wir loswerden wollen. Als Anarchist*innen werden wir häufig mit Vorurteilen konfrontiert: Anarchie sei gleich Chaos und Willkür, Anarchismus würde das Recht des Stärkeren bedeuten, es heisst, ich würde tun und lassen können was ich will und es keine Regeln gäbe. Anarchismus wäre wie Bubble Tea – wabernd und undefiniert, Anarchisten seien Königsmörder und Bombenleger, weltfremde Träumerinnen, sie wären eine Gefahr für diese Gesellschaft, dogmatisch, streitsüchtig und das Gegenteil von geistig offen. Anarchist*innen wären schmutzig und dreckig, aber seien schnell zu haben, experimentierfreudig aber nicht beziehungsfähig. Es heisst, Anarchist*innen wären gewalttätig und unkontrollierbar, also etwas für revoltierende Jugendliche. Anarchismus hätte im Laufe der Geschichte nie eine gesellschaftliche Relevanz erlangt, ebenso wie dessen Anhänger*innen. Bis auf die Bombenleger*innen.

Wir haben diesen Text geschrieben, um unseren Mitmenschen einen Einblick in unser Denken und Handeln zu geben. Damit Menschen mit dem Begriff Anarchismus etwas anderes verbinden, als soeben aufgezählt. Denn wir sind der Überzeugung, dass Anarchismus durchaus eine große Relevanz für diese Gesellschaft und diese Welt hat.

Als anarchistische Gruppe teilen wir viele Grundannahmen mit anderen Anarchist*innen, Antiautoritären und libertären Kommunist*innen. Gemeinsam haben wir das Streben nach einer Gesellschaft auf der Basis von Freiheit, Gleichheit und gegenseitiger Hilfe. Dazu gehört die Orientierung der Güterproduktion und Güterverteilung an den Bedürfnissen aller Menschen sowie eine föderative Gesellschaftsform, in der gesellschaftliche Entscheidungsprozesse von unten nach oben verlaufen. Die befreite Gesellschaft soll allen ihren Individuen gleich viel Raum zur Selbstentfaltung innerhalb einer Gemeinschaft bieten. Wie viele andere Anarchist*innen weltweit haben wir ebenfalls den Anspruch, diese Ziele bereits im Hier und Jetzt in unserem alltäglichen Handeln umzusetzen. Wir nennen dies den freiheitlichen oder anarchistischen Kommunismus.

Wir sind nicht damit einverstanden, wie unsere Welt gerade aussieht, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Das entspricht nicht unseren Vorstellungen eines emanzipatorischen und solidarischen Miteinanders.

Als Anarchist*innen stellen wir uns jeglicher Form von Herrschaft, Ausbeutung und Hierarchie entgegen. Das meint sowohl Staaten als auch eine Diktatur des Proletariats oder einer Partei, alle diskriminierenden und ausbeutenden Unterdrückungsformen, elitäres Denken, Bildung einer Avantgarde oder die Bildung einer Partei zur Führung und Durchsetzung der Revolution. Wir wollen die bestehende Herrschaft nicht durch eine neue ersetzen, die unter Umständen „besser“ sein könnte als die vorherige, sondern jegliche Herrschaft überwinden. Macht muss möglichst gleichmäßig auf die vielen Schultern einer Gesellschaft verteilt werden. Des Weiteren lehnen wir die Instrumentalisierung und Idealisierung von Kämpfen und Individuen ab, da weder Kämpfe noch Personen frei von negativen Aspekten sind und ein kultischer Umgang mit solchen wieder Hierarchien oder eine Idealisierung von Gewalt bedingen kann.

Gegenwärtig leben wir in einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit und gegenseitige Hilfe nicht allen Menschen zugesprochen wird. Manche sind freier als andere, manche sind gleicher als andere. Wir stehen nicht alle auf derselben Stufe. Wir nennen das Soziale Ungleichheit. Die, die weiter oben stehen, herrschen und bekommen mehr als die unteren. Sie nehmen sich soviel sie können und geben Anweisungen. Zur Not setzen sie ihre Interessen mit Gewalt durch. Stufe um Stufe. Es geht um Vorsorge, Absicherung, Einfluss, Bereicherung, Durchsetzungsvermögen, Stärke und Macht. Die Menschen weiter unten bekommen nicht dasselbe Ausmaß an Hilfe, wie die, die weiter oben stehen. Nur ab und an bekommen sie Almosen. Die weiter unten sind vom guten Willen der Menschen oben abhängig, ob sie ihnen etwas vom Kuchen übrig lassen. Von dem Kuchen, den die unteren Stufen auf Befehl von oben gebacken haben und von dem viele der Bäcker*innen höchstens noch die Krümel bekommen. Wer nicht gehorcht und funktioniert wird sanktioniert.
Das wollen wir ändern. Wir wollen auch nicht nur ein Stück vom Kuchen für die unteren Stufen. Wie wollen die Stufen einebnen, um dann eine Bäckerei für alle gemeinsam bauen.

Die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) drückt das in ihrer Prinzipienerklärung wie folgt aus: „Unser Ziel ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft ohne Grenzen, Patriarchat, Klassen und Staaten auf Grundlage der freien Vereinbarung, der gegenseitigen Hilfe und des anarchistischen Föderalismus, der durch gebundene Mandate seitens der Basis gekennzeichnet ist. Diese Gesellschaft soll pluralistisch sein, damit unterschiedliche Lebensentwürfe und kollektive Grundordnungen gleichberechtigt – verbunden durch den Föderalismus – erprobt, gelebt und umgesetzt werden können. Da wir jede Herrschaft über und Ausbeutung von Menschen ablehnen, setzen wir uns ein für die Abschaffung aller Formen von Herrschaft und Ausbeutung in kultureller, politischer, sexueller, sozialer, wirtschaftlicher oder sonstiger Hinsicht. Dies beinhaltet die Ablehnung von Hierarchien und Totalitarismen in jeder Form. Wir treten ein für eine bedarfsorientierte und umweltverträgliche Nutzung der natürlichen Ressourcen.“ (fda-ifa.org) Als (LB)² erkennen wir unsere priviligierte Position, bedingt durch soziale Stellung und Wohnort, besonders im internationalen Kontext, an, und sehen daher unsere Pflicht zu internationaler Solidarität.

Das war schonmal eine grobe Zusammenfassung. Interesse geweckt? Der folgende Text wird etwas länger und spiegelt einen Teil unserer Ideenwelt wieder. Er beinhaltet die Kapitel

1. Einleitung

Die folgende Ausführung mit ihren Grundannahmen und Bezugspunkten ist von (LB)² und lässt sich nicht auf alle anderen Anarchist*innen und Antiautoritären überstülpen. Andere mögen andere Rückschlüsse ziehen. Dieser Text ist das Ergebnis längerer interner Diskussionen unter Einbindung und Reflexion unserer Gruppenaktivitäten. Wir wollen damit ein paar Fragen beantworten und Interesse an einer weitergehenden Auseinandersetzung hervorrufen.

Viel Spass beim Lesen!

2. In puncto geistige Offenheit

Unser erklärtes Ziel ist ein Leben ohne Herrschaft, das wollen wir bereits im Hier & Jetzt in unserer Praxis umsetzen. Das bedeutet für uns auch, dass wir weder unsere Weltanschauung auf irgendeine Art und Weise Menschen überstülpen die wir antreffen, noch, dass wir andere Zusammenhänge und Bewegungen für unsere Ziele instrumentalisieren. Klar, wir diskutieren gerne und laden Menschen dazu ein, unsere Perspektiven kennenzulernen. Durch gegenseitigen Austausch überprüfen und messen wir uns miteinander. So wie alle anderen Menschen dieser Gesellschaft es auch tun, um ihre Perspektiven im Laufe ihres Lebens zu verändern. Vor uns steht die Vielfalt unterschiedlicher Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander. Den „einen richtigen anarchistischen Weg“ gibt es schon gleich gar nicht.

Unsere Akzeptanz hat eine Grenze bei menschenverachtenden Einstellungen, Diskriminierung und der Ausübung von Herrschaft und Autorität. Diese Machtinstrumente beinhalten immer Grenzverletzung, Gewalt und Zwang. Geistige Offenheit und Herrschaftsfreiheit sind für uns untrennbar. Grenzen gegen Gewalt und Diskriminierung zu setzen ist dabei eine Notwendigkeit. Jede Person hat das Recht auf freie Selbstentfaltung und die Unversehrtheit der persönlichen Integrität. Anders ausgedrückt: Die Freiheit der einzelnen Person wird durch die kollektive Freiheit begrenzt, in welcher jeder Person gleich viel Freiheit zugutekommen soll.

Menschen mit emanzipatorischen, also gleichberechtigten Ideen und dem Wunsch nach alternativen Lebensentwürfen, müssen Räume zur Vernetzung und zur Ideenfindung zur Verfügung stehen. Beispielsweise selbstorganisierte Soziokulturelle Zentren, Stadtteilzentren oder auch virtuelle Räume. Dabei gibt es keinen Dogmatismus, kein Gesetz, keine feststehende Formel, nach welchen Kriterien diese Räume und Zusammenhänge unbedingt erschaffen und gefüllt werden müssen. Ganz im Gegenteil: Wir legen großen Wert auf prozessorientierte Entwicklungen und die Unterschiedlichkeit der Menschen mit all ihren Ideen. Wir veranstalten regelmäßig in Zusammenarbeit mit anderen Menschen das Anarchistische Café im Demokratischen Zentrum (DemoZ) in Ludwigsburg. Alle, die Machtstrukturen überwinden möchten, sind bei uns willkommen! Egal ob eine Person zum Beispiel großen Wert auf die Auseinandersetzung mit dem Thema (Lohn-)Arbeit und Ökonomie setzt oder ob der Schwerpunkt bei anderen auf der Befreiung der Frau* liegt. Wichtig ist es uns gemeinsam zu diskutieren und Ideen für die Praxis auf emanzipatorischer Basis zu entwickeln.

Noch etwas: Weil wir eine anarchistische Gruppe sind, hat das nicht zur Folge, dass es bei uns keine Absprachen und feste Vereinbarungen gäbe. Der Unterschied zu Gesetzen, die wir kritisieren, ist, dass wir die Regeln die uns betreffen auch selbst (mit)bestimmen. Dies ist der Rahmen unseres Zusammenlebens. Hierauf werden wir im Abschnitt zu Freiraum noch etwas genauer eingehen.

Was Vernetzung und Bündnisarbeit angeht, bevorzugen wir gemeinsame Kämpfe mit hierarchiefreien Zusammenhängen, denn die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe ist für uns elementar. Dabei lassen wir uns und unsere Kämpfe nicht von etablierten und dogmatischen Organisationen oder Parteien vereinnahmen.

Wir sind Teil dieser Gesellschaft und streben nach konstruktivem Austausch und gemeinsamen Erfahrungen mit unseren Mitmenschen. Nur so können wir Schritte in Richtung unserer geliebten Vorstellung einer befreiten Gesellschaft gehen. Hierfür möchten wir solidarische Strukturen an der Basis aufbauen (wie beispielsweise unseren Umsonstflohmarkt oder die Solidarische Landwirtschaft), uns an Sozialen Kämpfen beteiligen (z.B. Wohnraum und Verdrängung, Klimastreik) und unser Wissen und unsere Praxis mit vielen anderen Menschen teilen.

Organisiert sind wir überregional in der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA). Die FdA versteht sich als strömungsübergreifende, pluralistische Föderation (Synthetizismus), in dem Menschen und Gruppen, trotz der unterschiedlichsten Strömungen des Anarchismus, miteinander aktiv werden. Auch auf Föderationsebene wollen wir gemeinsam dem Ziel einer solidarischen, respektvollen, gewalt- und herrschaftsfreien Gesellschaft näher kommen. Wir lernen unsere Kräfte zu bündeln, uns zu organisieren und Unterschiede im Denken und Handeln auszuhalten, ohne die anderen “auf Linie” zu bringen. Wir arbeiten zusammen und erproben das Modell eines überregionalen hierarchiefreien Organsationsentwurfes, in dem die Entscheidungsstrukturen von der Basis ausgehend nach oben verlaufen. Dabei sehen wir alle Menschen und Gruppen, mit welchen wir diesen kleinsten gemeinsamen Nenner teilen, als Bereicherung. Wir leben von neuen Einflüssen, denn unsere Welt soll so vielfältig sein, wie die Leute die in ihr leben (vgl. fda-ifa.org).

Einer unserer Grundsätze ist die Übertragung unserer Ziele in die Praxis im Hier und Jetzt. Wenn wir eine Gesellschaft anstreben, die vielfältig ist und in der jeder Person derselbe Raum zur Selbstentfaltung zusteht, dann folgt daraus als Konsequenz, dass wir unsere Zusammenhänge als Basis unseres Handelns, genau in diesem Sinne erschaffen. Dann ist es wichtig, dass es Räumlichkeiten an möglichst vielen Orten gibt, wo niemandem mit Vorurteilen begegnet wird. Räumlichkeiten, in denen Gruppen die Möglichkeit und Infrastruktur haben, sich auf Grundlage einer gemeinsamen Maxime wie Gleichheit, Freiheit und gegenseitiger Hilfe, unkommerziell zusammenzufinden. Diese Freiräume sind und bleiben essenziell.

3. Kritik an der Gesellschaft – ein Wohl für die Gemeinschaft I

3.1 Verwobene Herrschaftsstrukturen – Intersektionalität

Eine unserer Grundannahmen ist, dass unsere Gesellschaft (wie auch viele andere weltweit) von unterschiedlichen Herrschaftsstrukturen wie Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus durchzogen ist.

Benachteiligung und Diskriminierung, Ausbeutung und Gewalt sind keine Phänomene, die vor allem in Zeiten auftreten, die allseits in den öffentlichen Medien als Krisen bezeichnet werden. Sie sind historisch gewachsene, strukturell verankerte und daher permanente Bestandteile unserer Gesellschaft, die sich tagtäglich reproduzieren. Oder anders ausgedrückt: Herrschaft und Diskriminierung werden von den Mitgliedern dieser Gesellschaft durch ihr Handeln, sei es bewusst oder unbewusst, jeden Tag aufs Neue wiederholt und gefestigt.

Unterschiedliche Diskriminierungsformen sozialer Ungleichheit überschneiden sich dabei gegenseitig, haben Wechselwirkungen und sind eng miteinander verwoben. Diese Phänomene werden auch Intersektionalität1 genannt.

Intersektionalität kommt von überkreuzen, überschneiden. Stellt euch eine Straßenkreuzung vor, auf der eine Person steht. Eine Straße repräsentiert die Ungleichheit in Geschlechterverhältnissen – das Patriarchat. Die andere steht für den Kapitalismus und die Ausbeutung der Arbeitskraft und fehlende materielle Mittel. Die Person in der Mitte ist mehrfach von Diskriminierung betroffen. Gewalt kann sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig treffen. Sie wird schwerer verletzt und die Hilfskräfte streiten sich darum wer für die Rettung zuständig sein muss. Die Benachteiligung der Person erlangt eine neue Qualität.

Die Mitglieder dieser Gesellschaft stehen also nicht alle auf derselben Stufe und bekommen aus diesem Grund nicht alle dasselbe Ausmaß an Möglichkeiten, Anerkennung, Rechten, Aufmerksamkeit, Hilfe und Schutz.

Zu dieser Annahme gehört auch, dass die lohnabhängige Klasse vielschichtig und komplex ist: Lohnabhängige erleben je nach zugewiesener gesellschaftlicher Positionierung unterschiedliche Qualitäten von Ausbeutung. Auf welcher gesellschaftlichen Stufe eine Person steht, wie viel Zugänge sie zu allen möglichen Bereichen innerhalb der Gesellschaft hat und welche Möglichkeiten ihr zur Selbstverwirklichung zur Verfügung stehen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Bildungsweg und -abschluss, Höhe des Einkommens, Gesundheit, Be-Hinderung, Alter, soziale und familiäre Netzwerke sowie rassistische, sexistische und/oder homofeindliche Markierung.
Manche Lohnabhängige sind auf mehreren Ebenen betroffen. Eine Vielzahl ist aber auch in manchen Bereichen privilegiert und in anderen gleichzeitig benachteiligt. Beispielsweise eine weiße Familie mit mittlerem Einkommen, die sich eine günstige 24 Stunden/7 Tage/ohne Urlaub Betreuungskraft aus dem Ausland für eine pflegebedürftige Angehörige leisten können. Betroffenheit ist innerhalb Deutschlands nicht für alle gleich und schon gar nicht, wenn wir das global betrachten. Diese Sichtweise könnten wir auf alle Menschen mit einer gemeinsamen Diskriminierungserfahrung übertragen. Auch Frauen* haben nicht alle denselben Ausgangspunkt weil sie Sexismus erfahren. Eine alleinerziehende arbeitende Mutter mit niedrigem Einkommen hat sicherlich eine andere Perspektive wie eine renommierte Akademikerin. Women of Color2 werden durch weiße3 Frauen rassistisch markiert.

Ein Denken im Hauptwiderspruch à la wir brauchen nur den Kapitalismus abschaffen, dann wird alles gut, oder das ist die größte/wichtigste Unterdrückungsform und wenn die weg ist verschwinden alle anderen Diskriminierungsformen auch, lehnen wir ebenfalls ab.

3.2 Unterschiedlichkeit und Vielzahl von Herrschaft

Jede Herrschaftsform an sich hat unterschiedliche Ursachen und Wirkungsweisen. Gemeinsam haben diskriminierende Machtstrukturen zunächst, dass sie Betroffene in ihren Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und verletzen. Das geschieht, indem viele (vor allem privilegierte) Menschen tagtäglich durch ihr Handeln bewusst und unbewusst die Integrität (körperliche Unversehrtheit, Identität, persönliche Werte und Lebensentwürfe) von Betroffenen verletzen. Das findet allerorts und in vielen Lebensbereichen statt, sei es in der Schule, auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld. Machtvolle Sprecher*innen und dominante gesellschaftliche Sichtweisen bestimmen Bilder und Diskurse in Medien, der Politik und der Öffentlichkeit. Die Wissenschaft zementiert Ungleichheit durch einseitige Forschungsperspektiven und Maßstäbe (bspw. was Forschung und Wissen über geschlechtsbezogene Unterschiede angeht in Bezug auf Körper und Verhalten). Betroffene werden verwertet, ausgebeutet und dazu benutzt, das System der Herrschaft am Laufen zu halten. Und so weiter und so fort.

In unserer Gesellschaft gibt es viele Betroffene mit kollektiven (gemeinsamen) Erfahrungen über Gewalt und Benachteiligung und dem Wissen darüber, dass sich Diskriminierung zu jeder Zeit auf unterschiedlichen Ebenen abspielt. Auf der zwischenmenschlichen persönlichen Ebene, der gesellschaftlichen, institutionellen und strukturellen Ebene. Dieses kollektive Bewusstsein aus Betroffenenperspektive beinhaltet aber auch Wissen um Widerstand und Handlungsmöglichkeiten. Das sollte ein gemeinsamer Anknüpfungs- und Orientierungspunkt zwischen unterschiedlichen Interessensgemeinschaften (Gewerkschaften mit dem Fokus auf Arbeitskampf, feministische Frauen*gruppen,…) und solidarischen Mitkämpfer*innen sein.

Phänomene von Herrschaft und sozialer Ungleichheit sind sehr vielschichtig. Im Folgenden haben wir einige – wenn auch nicht alle – kurz aufgeführt.

Der Kapitalismus4 zeichnet sich durch das Bestreben nach Profitmaximierung, permanentem Kampf im Streben nach Konkurrenzfähigkeit und wirtschaftlichem Wachstum aus. Das Eigentum an Produktionsmitteln (Kapital wie Zugang zu Rohstoffen, Fabriken, Grundstücke, Maschinen, Geld) ist im Privatbesitz von Unternehmen und wenigen Menschen. Ein Großteil der Bevölkerung darf nicht mitentscheiden, was wann wie produziert wird. Die Verwertbarkeit des Kapitals ist die Logik im Kapitalismus. Das hat die Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen zur Folge. Wer nicht genügend Kapital mitbringt, dem bleibt nur der Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Diese Menschen sind als Lohnabhängige dem Arbeitsmarkt ausgeliefert.
Ein ebenfalls wichtiger Motor in diesem System ist die unbezahlte reproduktive Arbeit (Hausarbeit, Beziehungsarbeit, Kindererziehung, Pflege Angehöriger), die nach wie vor überdurchschnittlich viele Frauen* übernehmen (müssen). Es ist ein Beispiel der engen Verbindung von Kapitalismus mit anderen Unterdrückungsformen wie dem Patriarchat. Hier sprechen wir dann von einer doppelten Ausbeutung der Frau*.

Der allgegenwärtige Überlebenskampf um Ersetzbarkeit, Statuserhalt, Gewinn und Verlust erschafft eine hierarchische Gesellschaft bestehend aus Gewinnern und Verlierer*innen, Privilegien und Ausgrenzung, Ausbeutenden und Ausgebeuteten.
Eine kapitalistische Gesellschaft ist nicht daran interessiert gleiche Zugänge zu lebensnotwendigen Ressourcen und gesellschaftliche Teilhabe für alle ihre Mitglieder zu ermöglichen. Es wird auch nicht direkt für menschliche Bedürfnisse produziert, sondern nur für einen zahlungsfähigen Bedarf (Ein Brot wird nicht gebacken, weil es Hunger gibt, sondern um es zu verkaufen. Wenn die hungernde Person kein Geld hat es zu kaufen, bekommt sie es nicht. Wenn eine Person, die daneben steht schon 10 Brote hat und 7 davon wegschmeißt, bekommt sie das zum Verkauf stehende Brot trotzdem, wenn sie es bezahlen kann.) Der Staat sichert mittels institutioneller, direkter und indirekter Gewalt die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse.

Kapitalismus ist eng mit weiteren Unterdrückungsmechanismen wie Patriarchat und Rassismus verbunden. Weiter gehen wir davon aus, dass gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Krisensituationen keine einzelnen Krisen des Kapitalismus sind, sondern dass dieses kapitalistische System selbst eine Dauerkrise darstellt. Eine Dauerkrise mit unterschiedlichen Eskalationsleveln. Auf einer hohen Eskalationsstufe spitzt sich soziale Ungleichheit zu. Dann wird offensichtlich, was allzu oft verdrängt, verschwiegen und gerechtfertigt wird. Aus der Traum von einer wirklich gerechten, fortschrittlichen, zivilisierten, demokratischen Gesellschaft. Dann bekommen wir einen Spiegel vorgehalten, in dem wir sehen, was wir alles verbockt haben. In diesem Punkt sind sich die Corona-Pandemie und die Klimakatastrophe ähnlich: Sie legen offen, was in der globalisierten Welt mit all ihren Herrschaftsstrukturen und ihrem Wirtschaftssystem schief läuft.

Das Patriarchat5 rückt in allen Lebensbereichen eine männerdominierte Perspektive in den Mittelpunkt und positioniert die Menschen in dieser Gesellschaft (und weltweit) entsprechend über- oder untergeordnet. Zugewiesene geschlechtliche Identität (Frau*, Mann*, Trans*, Non-Binary, Inter*), Sexualität (schwul, lesbisch, hetero, pansexuell, asexuell) und Geschlechtsanforderungen (Rollenerwartungen an Frauen* und Männer*, Sozialisation zu Mädchen* und Jungen*) beeinflussen maßgeblich, welches Individuum mit wie viel Macht und Ohnmacht ausgestattet ist. Das Patriarchat zwingt die Menschen in ein zweigeschlechtliches System von Mann und Frau, in welchem männliche Geschlechtskonstruktionen mitsamt ihren Anforderungen übergeordnet, und weibliche entsprechend untergeordnet werden. Weitere Geschlechtsidentitäten sind nicht vorgesehen, Heterosexualität ist die Norm. Je nach Zugehörigkeit werden von Klein auf Geschlechtsanforderungen gestellt, Zuwiderhandlungen werden sanktioniert.

Die Folgen für Betroffene reichen von verbaler, psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt über erhöhte Arbeitsausbeutung und ungleiche Entlohnung bis hin zu Diskriminierung auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene. Dazu gehört beispielsweise die Untermauerung von Sexismus durch die Wissenschaft durch konstruierte Naturalisierung, die Nicht-Anerkennung und Pathologisierung von Trans*Menschen und die dazugehörigen diskriminierenden Gesetzgebungen (vgl. Sauer u.a. 2016:31f.; TransInterQueer e.V. 2013). Geschlechtsbezogene Gewalt ist Zwang und Mittel um Macht durchzusetzen und auszuüben. Sexualisierte Gewalt beispielsweise ist keine zufällige individuelle gewalttätige Handlung, sondern fester Bestandteil des Patriarchats.

Zu benennen sind weiter strukturell verankerte, rassistische Gesellschaftsstrukturen6, die ihre Mitglieder durch zugesprochene, meist äußere Merkmale oder (angenommener) Herkunft, in dazugehörig oder ‘anders’ markiert und somit Zugänge schafft oder verwehrt. Kolonialer Rassismus beispielsweise entstand als Herrenmenschenideologie im Zuge kolonialer Eroberungen. Ausgehend von Versklavung und Kolonialisierung bis hin zur heutigen „Festung Europa“ ist Rassismus seit Jahrhunderten eine der zentralen Strukturkategorien Europas. Inzwischen ist die Unhaltbarkeit des Konstrukts menschlicher Rassen wissenschaftlich unumstritten. Dennoch hat Rassismus soziale, ökonomische, politische und psychologische Fakten geschaffen, die nachhaltig und bis in die Gegenwart unsere Wahrnehmung dieser Welt strukturieren und rechtfertigen.

Diese benannten weltweiten Diskriminierungsstrukturen sind eng miteinander verknüpft und stehen in Wechselwirkung miteinander. Je weniger eine Person den gesellschaftlichen Vorstellungen von ’weiß, Kapital mitbringend, männlich, hetero, und/oder der gesundheitlichen Norm’ entspricht, desto weniger Zugänge und Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Mitbestimmung und Selbstentfaltung hat sie. Ausgrenzung, Benachteiligung und Gewaltbetroffenheit sowie der Mangel an Hilfe- und Schutzstrukturen nehmen zu.

Durch die Einordnung und Einbindung von Herrschaftsverhältnissen wie Patriarchat und Rassismus im kapitalistischen System wird gesellschaftliche Ungleichheit verstärkt und gefestigt. D.h. dass vor allem diejenigen vom Staat als wertvolle Bürger*innen anerkannt werden, die an der wirtschaftlichen und sozialen Spitze stehen. Kapital-, Leistungs- und ertragsbringend zu sein, ist in diesem Gesellschaftssystem von wichtigster Bedeutung. Hier existiert das Individuum nur als Zahnrad im System.

Die Folgen dieses globalen Wirtschaftssystems sind Armut, Umweltzerstörung, Existenzunsicherheit, elende Lebensverhältnisse und Kriege. Sie dürfen nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sondern sind Teil der kapitalistischen Logik. (Die Plattform 2018:7) Kriege werden/wurden aus dem Interesse heraus geführt, sich die Ressourcen anderer Gebiete anzueignen. Legitimiert werden und wurden sie von Herrenmenschenideologien und Rassismus, Nationalismus und religiös motiviertem Fundamentalismus. Die Basis bietet eine zutiefst patriarchal geprägte Kultur. Deren Männlichkeitsanforderungen gehen Hand in Hand mit der Ausübung von Macht, Gewalt und Unterdrückung zur Durchsetzung von Interessen. (vgl. Elias 2018 komplett)
Den Faschismus als Ausweg des Kapitals7 in zugespitzten Krisenzeiten müssen wir immer mitdenken und uns frühzeitig darauf vorbereiten.

3.3. Staatlich institutionalisierte Herrschaft: Bildungssystem und Gesetzgebung

Das aktuelle deutsche Schulsystem8 ist darauf ausgelegt aus jungen Menschen funktionierende, ertragsbringende Arbeitskräfte zu machen. Entwicklungsziele wie persönliche Selbstentfaltung und Verantwortungsübernahme für sich selbst und die Mitmenschen sind nachrangig. Widerständiges Verhalten und Kritik gegenüber bestehenden Normen und Autoritäten wird zum Großteil sanktioniert.

Die Einteilung von Kindern in verschiedene Schulzweige dient in erster Linie der Ab- und Aufwertung. Diese Zuweisung einer Wertigkeit gilt für die meisten Menschen ein Leben lang. Dies soll durch hohen Leistungsdruck und durch Sanktionierung bei Normabweichungen erreicht werden. Wer den schulischen Anforderungen nicht entspricht, sei es durch zu geringe Leistungserbringung, durch Nicht-Erfüllung der gesellschaftlichen Anforderungen oder durch abweichendes Verhalten wird gemaßregelt, stigmatisiert und/oder ausgegrenzt. Das Individuum mit seinen persönlichen Stärken und Fähigkeiten ist Nebensache, solange diese nicht in das vorgegebene Raster passen.
Auch gleichberechtigte Bildungschancen und die politischen und gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung sind trotz zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention in Deutschland immer noch sehr eingeschränkt.

Gesetze eines Staates und einer Gesellschaft, die durch Diskriminierung, Ausbeutung und Benachteiligung geprägt ist, sind Instrumente der bestehenden Machtverhältnisse und bewirken eine Verstärkung von sozialer Ungleichheit. Das herrschende Recht ist das Recht der Herrschenden. Gesetze geben den gesellschaftlichen Rahmen vor und legitimieren und stützen Herrschaft: Die Autorität des Staates, der Schutz des Privateigentums, der Mangel an Absicherungen, um allen Mitgliedern dieser Gesellschaft Zugang zu Grundbedürfnissen wie beispielsweise Wohnraum zu gewähren, sowie der Mangel an Schutz für diskriminierte und ausgegrenzte Menschen. Kurz: Die Aufrechterhaltung des Status quo. Gesetze wie die Asyl- und Ausländergesetze beispielsweise scheinen nicht dafür geschaffen zu sein, um Schutzsuchende zu unterstützen, sondern um dem deutschen Staat und all seine Behörden in ihrem Bestreben zu bestärken, möglichst wenige Geflüchtete willkommen heißen zu müssen.

Menschen, die aus irgendeinem Grund ihren gesellschaftlichen Anforderungen nicht nachkommen können oder wollen, werden selbst für ihr ‘Versagen’ verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen, bestraft und eingesperrt9. Die Gesamtgesellschaft dagegen, mit all ihren ausgrenzenden Machtstrukturen, rückt nicht in den Fokus der Auseinandersetzungen. Von vornherein ist vergessen, dass die Voraussetzungen ungleich verteilt sind und nicht auf das Individuum zurückzuführen sind.

4. Alles verändern

4.1 Solidarische Strukturen an der Basis und Soziale Kämpfe

Um gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen abbauen zu können, bedarf es gesellschaftlicher und politischer Diskurse und Auseinandersetzungen, die bereits bestehende Dominanz nicht wiederholen. Aus der Geschichte können wir lernen, dass soziale und gesellschaftliche Errungenschaften wie Arbeitsrechte, Gleichstellung von Mann* und Frau*, Antidiskriminierungsansätze usw nicht von Parteien, Regierungen oder mit Macht ausgestatteten Menschen freiwillig umgesetzt wurden, sondern immer von vielen Menschen in sozialen Bewegungen erkämpft wurden. Und zwar von Betroffenen und vielen solidarischen Menschen selbst. Über Nationalgrenzen hinweg, in weltweiter Solidarität. Hieran müssen wir anknüpfen.

Solidarische Strukturen, entstanden an der Basis einer Interessensgemeinschaft, sind unseres Erachtens unumgänglich, um Herrschaftsformen wirksam und längerfristig abbauen zu können. Solidarische Perspektiven lassen sich besonders gut dort angehen wo wir leben und arbeiten. Sie entstehen in Hausgemeinschaften und Nachbarschaften, wenn sich Menschen gegenseitig ohne Bereicherungsstreben unterstützen. Der Aufbau von Solidarität und Widerstand beginnt ebenso in Diskussionen am Arbeitsplatz über schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung und wenn sich Mitarbeiter*innen zusammenschließen und wehren. Wenn im Kontext dieser Lebensräume ein gemeinsames Verständnis über kollektive Betroffenheit geschaffen wird, entstehen Grundlagen und Ausgangspunkte für Soziale Kämpfe.

Gemeinsam sind wir stärker, der Vereinzelung im Kapitalismus ist entgegenzuwirken.
Nur in einem weltweiten solidarischen Miteinander und durch (soziale) Kämpfe die nicht auf Kosten anderer diskriminierter Menschen geführt werden, lassen sich Grundsteine für eine zukünftige Gesellschaft legen, die allen ihren Mitgliedern Raum für ein erfülltes und sicheres Leben lässt. Macht muss gleichmäßig verteilt werden: Das bedeutet Verlust auf der privilegierten Seite und Ermächtigung auf der der Betroffenen.
In emanzipatorischen sozialen Bewegungen und Kämpfen wurde an vielen Orten dieser Welt umfassendes Wissen über Unterdrückung und Widerstand gesammelt. Dieses gilt es weiterzugeben, anzunehmen und miteinander zu verbinden.

Das Neue erwächst aus dem Alten und es liegt an uns bereits im Hier und Jetzt Strukturen für eine Welt zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientiert und ihren Reichtum allen Menschen zugängig macht. Solidarische Strukturen entstehen im Kleinen, bei jeder und jedem von uns. In unseren alltäglichen Handlungen und Beziehungen. Sie wachsen, wenn wir uns zusammenschließen, vernetzen und organisieren und wenn wir gezielte Forderungen aufstellen und für diese kämpfen.

4.2 Aufstände und Soziale Revolution

Wir wollen nicht bei Reformen stehenbleiben, auch wenn sie manchmal notwendig sind. Wenn wir eine gewaltfreie Gesellschaft wollen, reicht es auch nicht, irgendwelchen Idealen theoretisch zuzustimmen, ohne dass daraufhin eine Konsequenz für unser Handeln einsetzt. Das ist genauso unzureichend wie auf Petitionen Unterschriften zu setzen oder Parteien zu wählen die als das geringste Übel erscheinen. Veränderungen erreichen wir nur mit vielen weiteren Menschen. Und wenn wir diese Welt zu einer Besseren machen wollen, dann müssen unsere revolutionären Kämpfe bewusst feministisch und antirassistisch sein, sonst scheitern wir bereits auf dem Weg zu unserem Ideal.

Wir sind der Überzeugung, dass der Aufbau einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft möglich und umsetzbar ist – vielleicht nicht heute oder morgen, aber zukünftig und durch unser aktives Zutun. (Die Plattform 2018:31) Dazu braucht es perspektivisch alternative, hierarchiefreie und emanzipatorische Projekte und Gegenstrukturen in möglichst vielen relevanten Lebensbereichen, sowie solidarisch geführte Soziale Kämpfe die sich gegenseitig durch ihr Wissen bereichern. Ein zentrales Organ, wie eine Partei, die diese Kämpfe und Strukturen bestimmt und anführt, lehnen wir ab. Das würde weder zur Verantwortungsübernahme noch zur Emanzipation vieler Menschen beitragen. Im Gegenteil würde das – wie es die Geschichte bewiesen hat – den Aufbau von Autorität, Fremdbestimmung, Zwang, Repression, Privilegien einer Minderheit und folglich eine Verdammung zur Unterdrückung und Ausbeutung des Rests führen.

Die Weitergabe anarchistischer Ideen, Werte und Visionen halten wir in diesem Kontext für essenziell. Ebenso gilt es für Anarchist*innen von vielen Kämpfen zu lernen. Wir sehen uns als Teil der sozialrevolutionären Bewegung und streben ein solidarisches Verhältnis zu anderen Zusammenhängen an, die sich hier ebenfalls verorten.

Auseinandersetzungen und Kämpfe um Kräfteverhältnisse zwischen Privilegierten und Ausgebeuteten Menschen sowie das Bewusstsein für kollektive Erfahrungen von Unterdrückung bleiben wichtige Grundlagen zur Erreichung des freiheitlichen Kommunismus.

Wenn wir von sozialer Revolution sprechen, meinen wir damit nicht nur die Überwindung des Kapitalismus und die Abschaffung des Staates mit all seinen Nationalgrenzen, Macht- und Gewaltbefugnissen. Für uns schließt das ebenso die Dekonstruktion und Zerschlagung patriarchaler und rassistischer Machtstrukturen mit ein.

Denn „(…) der Kampf gegen „den Staat“ und „Kapitalismus“ (…)repräsentiert einfach nicht die Gesamtheit des anarchistischen Kampfes gegen eine gesamte Kultur der Unterdrückung.“ (Kooky 2018:66) Wir brauchen feministische, antirassistische und queere Perspektiven und die müssen für zukünftige Aufstände fester Bestandteil unseres Handelns sein. Wir können nicht Gemeinschaften, die bereits jetzt viel häufiger von Gewalt betroffen sind, zumuten, dass sie einem unreflektierten Sehnen nach revolutionären Zeiten zustimmen, ohne die Konsequenzen von Gewaltausschreitungen in kriegsähnlichen Szenarios einer jetzt schon homo und transfeindlichen, sexistischen und rassistischen Gesellschaft zu bedenken (vgl. Kooky 2018:65-66).

Soziale Revolution bedeutet das Umwälzen der sozialen Gefüge durch das Miteinander der Betroffenen, um die Gesellschaft aus sich heraus zu einer Besseren zu verändern. Revolutionen markieren nicht den Endpunkt der Entwicklung um sozialen Fortschritt, sondern sind ein fortlaufender Prozess der gesellschafltichen und sozialen Beziehungen10.

Wir würden eine friedliche Revolution durch transformative Prozesse bevorzugen. Allerdings glauben wir nicht, dass die herrschende Klasse ihre Privilegien und ihr Eigentum freiwillig abtreten wird. Herrschaft wird immer mit allen Mitteln versuchen, relevante alternative Strukturen der Gegenmacht anzugreifen. Hierauf müssen wir uns vorbereiten um wehrhaft zu sein, die Reaktion zurückzuschlagen und der sozialen Revolution den Weg zu ebenen. (vgl. Die Plattform 2018:32)

5. Alternative Gegenstrukturen schaffen – ein Wohl für die Gemeinschaft II

5.1 Zukünftige Gesellschaftsentwürfe

Der Anarchismus stellt ein sehr heterogenes Gebilde dar, sowohl was Theorie als auch Praxis anbelangt. Es gibt nicht DEN Anarchismus schlechthin, sondern es existieren mehrere, sich zum Teil ergänzende, überlappende oder auch widersprechende anarchistische Theorien, Ansichten und Modelle.

Als (LB)² sind wir der Ansicht, dass gemeinsame, kollektive Handlungen und eine entsprechende Organisierung notwendig sind, um diese Gesellschaft in unserem Sinne verändern zu können. Wir beziehen uns auf den Anarch@kommunismus als weitverbreitete und klassische Form des Anarchismus. Dabei nehmen wir eine anarch@feministische/intersektionale Perspektive, unter kritischer Berücksichtigung unterschiedlicher Diskriminierungsformen, ein. Diese Grundlagen prägen sowohl unser Bild einer befreiten Gesellschaft (unser Ziel) als auch den Weg dorthin (unsere Strategien und unser Handeln).

Das heißt allerdings nicht, dass ein starres Programm für DIE anarchistische Gesellschaft existiert. Die eine Wahrheit oder den einen Weg gibt es für sie nicht. Statt dessen wird die Vielfalt an Möglichkeiten, Strategien und Kämpfen als Stärke angesehen.

Der Anarchokommunismus beispielsweise als die einzig richtige Form des Zusammenlebens weltweit wird es nicht geben. Denn das würde den vielen unterschiedlichen Bedürfnissen, Neigungen und Interessen der Menschen nicht gerecht werden. Er entspricht erst einmal nur unseren Vorstellungen einer möglichen Gesellschaft, in der wir gerne leben möchten. Und er entspricht unserem Weg, dorthin zu gelangen. Die Unterschiedlichkeit der Menschen muss in der Vielfalt der Gesellschaftsentwürfe berücksichtigt werden, die in unterschiedlichen Regionen existieren werden. Das schließt Widersprüche mit ein. Das kann beispielsweise heißen, dass die einen Menschen eine Organisationsform wie den Anarchokommunismus für ihre Gemeinschaft bevorzugen während andere Räte benennen oder sogar Vertreter_innen und Repräsentant_innen auf Zeit wählen, die ihre Belange regeln. Die beteiligten Menschen werden festlegen, wie sie leben und sich organisieren wollen. Das ist nicht wahllos und ohne jegliche Einschränkungen, sondern Vielfalt und Ergebnisoffenheit auf der Basis von Freiheit, Solidarität und Gleichheit.
Allgemein gehen wir davon aus, dass die Menschheit das technische Wissen und die Fähigkeiten hat, die notwendig sind, um eine Welt des Wohlstands zu errichten. (vgl. Die Plattform 2018:28ff.)
Eine befreite Gesellschaft wird nicht statisch sein, sondern sich auch zukünftig weiterentwickeln, verändern und neuen Situationen anpassen.

5.2 Anarch@kommunismus

Zentraler Dreh- und Angelpunkt des anarchistischen Denkens und Handelns ist stets die Freiheit. In anarch@kommunistischen Gesellschaftsentwürfen erlangen die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft die größtmögliche Freiheit zur Selbstentfaltung dann, wenn diese Gemeinschaft neben der Freiheit seiner Individuen gleichermaßen auf der Gleichheit aller Beteiligten und deren gegenseitiger Hilfe basiert. Das schließt kollektive Prozesse der Verantwortungsübernahme ebenso mit ein, wie solidarisches Handeln gegen Ungleichheit.
Der anarchistische Kommunismus hebt die Abschaffung der Klassengesellschaft hervor. Dies erfolgt durch die Überwindung von Kapitalismus und Staat, Privateigentum und Geld sowie durch die freiwillig-verantwortliche Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums nach den selbstbestimmten Bedürfnissen der einzelnen Menschen, frei nach dem kommunistischen Prinzip: “Alle nach ihren Fähigkeiten, alle nach ihren Bedürfnissen.” Güterproduktion und Güterverteilung werden in wechselseitiger Absprache durch die Arbeitenden organisiert. (vgl. ebd) Wir ergänzen diesen Punkt um die Notwendigkeit der gleichzeitigen Abschaffung aller Herrschaftsstrukturen, wie bereits im letzten Kapitel ausgeführt haben.

Eine befreite und emanzipatorische Gesellschaft in unserem Sinne zeichnet sich durch eine herrschaftsfreie, egalitäre und selbstverwaltete Gesellschaftsordnung aus. Ihre Mitglieder schließen sich dezentral als kleine Einheiten (bspw. als Mitbewohner*innen in Wohneinheiten, als Wohneinheiten in Hausgemeinschaften, dann in Straßen, Stadtteilen, Städten, Regionen), in Föderationen durch freie Vereinbarungen, also in Assoziationen zusammen. Gesellschaftsverträge und gegenseitige verbindliche Absprachen entstehen durch Entscheidungsprozesse, die an die Basis gebunden sind. Wichtig ist, dass alle betroffenen Menschen und Strukturen in dem zuständigen Raum die Möglichkeit haben sich mitzuteilen. Für größere Zusammenhänge oder Projekte werden gesellschaftliche Strukturen zur Koordinierung (nicht für Entscheidungen) geschaffen, bspw. durch Deligiertenräte. Diese gewählten oder beauftragten Personen und Gremien sind durch Absprachen und Aufträge an ihre jeweilige Basis gebunden. Expert*innen die für bestimmte Aufgabenbereiche mit einem klar definierten erweiterten Entscheidungsbefugnis ausgestattet werden, sind jederzeit wieder absetzbar.

Die anarchistische Ausprägung des Kommunismus umfasst immer die Ablehnung von Staaten und Parteien. Das Privateigentum an Produktionsmitteln (z.B. Fabriken, Rohstoffen) ist abgeschafft und der Gemeinschaft übertragen. Der gemeinsam geschaffene und allen zugängliche gesellschaftliche Reichtum soll durch eine freiwillig – verantwortliche und solidarische Weise erwirtschaftet werden. Die Erträge und produzierten Güter kommen allen Menschen je nach individuellen Bedürfnissen zugute, anstatt nach Arbeitsleistung, gesellschaftlicher Stellung oder anderen Privilegien. So wie es den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen entspricht, soll gearbeitet, verteilt und konsumiert werden. Die kollektive Freiheit setzt den Rahmen, in welcher jeder Person gleich viel Freiheit zugutekommt. An dieser Stelle schliesst sich der Kreis hin zur freien Entfaltung jeder Person als zentraler Bestandteil einer befreiten Gesellschaft. (vgl. ebd.)

Zu den bekanntesten Vertreter*nnen des Anarch@kommunismus gehören z.B. Kropotkin, Mühsam, Goldman, Berkman, Most, Malatesta oder Reclus.

5.3 Hier und Jetzt: Beispiele alternativer Projekte, Strukturen und Konzepte

Um dem Zukunftsideal einer anarchistischen Gesellschaft näher zu kommen, vertreten wir die Überzeugung, dass wir bereits im Hier und Jetzt unsere Vorstellungen und Ideale leben müssen. Sei es in unseren Beziehungen untereinander, in unseren Räumen, Organisationen und in den Bündnissen, die wir mit weiteren Zusammenhängen eingehen. Der Anarchismus bietet hierfür vielfältige alternative Entwürfe für das Zusammenleben und Interagieren. Im Folgenden möchten wir einige Beispiele aufzählen. Es bleibt den Leser*innen überlassen, sich tiefgreifender mit den einzelnen Themen zu befassen.

Anarchistische Gegenstrukturen fußen neben dem Ausbau von Widerstandskulturen vor allem auf der Entwicklung solidarischer Perspektiven. Die folgenden Konzepte, Projekte und Zusammenhänge sind beispielhaft ausgewählt. Sie beeinflussen anarchistische Theorie und Praxis oder wurden andersherum maßgeblich von anarchistischen Ideen geprägt. Alle diese Konzepte haben die Gemeinsamkeit, dass sie aus emanzipatorischen sozialen Bewegungen entstanden sind. Zu nennen sind beispielsweise die Freiraumbewegung, Hausbesetzer*innen Szene, antiautoritäre 68er Bewegung, Bürgerrechtsbewegung, postkoloniale und antirassistische Bewegungen, (Schwarze)Frauenbewegung, (Schwarze) Queere Communities, feministische Communities, Arbeiter*innenkämpfe, Widerstand indigener Menschen und die Revolutionen der Vergangenheit und Gegenwart wie in Spanien und Rojava. Erste Weiterführungen haben wir verlinkt.

  • Ganz allgemein Freiräume (beispielsweise Stadtteil- und Kulturzentren, besetzte Häuser, Hausprojekte) die den Rahmen einengender gesellschaftlicher Normen und Werte aufreißen. Diesen Punkt führen wir im Kapitel zu Freiräumen genauer aus.
  • Lern- und Schulkonzepte die sich an den Bedürfnissen und der Entwicklung der lernenden Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen orientieren – Anarchistische Pädagogik, freie Schulen wie Summerhill, Ferrer-Schulen
  • Praktizierter Anarchismus im Cyberspace – freie kryptographische Software, anonyme Kommunikation, Offenlegung und Abbau von Machtstrukturen
  • Alternative Konzepte zum Umgang mit Gewalt und Strafe – Knastkritik,
  • Geschützte Räume und Konzepte für einen emanzipatorischen Umgang mit Gewalt und Diskriminierung – Safer Spaces, antisexistische Awarenessarbeit und Transformative Justice und Wiedergutmachungsprozesse in Gemeinschaften jenseits von Gefängnis und Polizei.
  • Ansätze zur Veränderung der Beziehungen zwischen Menschen – aktiver Abbau von (auch informeller) Macht, Reflexion von Privilegien, Konsensabsprachen, Zustimmungskonzepte in körperlichen/sexuellen Beziehungen, alternative Wohn- und Hausprojekte
  • Organisationsformen und -strukturen, die (möglichst) nach anarchistischen Prinzipien funktionieren und Gegenmacht aufbauen bspw. anarchosyndikalistische, klassenkämpferische Gewerkschaften wie die Freie Arbeiter*innen Union (FAU)
  • Anarchistische Föderationen wie die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), FAU oder „die plattform“ spiegeln die bereits angesprochene Grundidee einer anarchistischen gesellschaftlichen Organisationsstruktur wieder: kleine Einheiten vernetzen und organisieren sich dezentral
  • Weiter zu benennen sind die unterschiedlichsten Formen und Methoden von Widerstandskulturen. Von den vielfältigen Aktionsformen und dem solidarischen Mitwirken in Sozialen Kämpfen über Unterstützungsstrukturen gegen staatliche Repression bis hin zu Abwehrkämpfen gegen faschistische Zusammenhänge.
  • Aber auch ganz im Kleinen fangen alternative Konzepte und solidarische Strukturen überall dort an, wo sich Menschen, ohne zu instrumentalisieren mit anderen Mitmenschen zusammenschließen und Alternativen leben. Dazu zählen unter anderem, bereits erfreulich verbreitete, Foodsharing-Events, Küchen für alle (Küfas) oder Voküs mit Essen gegen Spende, Solidarische Landwirtschaft, Leih-Läden oder Umsonstflohmärkte.
  • Weiter geht es mit Kollektiven, Kooperativen und Genossenschaften unterschiedlichster Art, die Ressourcen dem kapitalistischen Markt entziehen.
  • Und Regionen und auf der Welt wie in Rojava und den zapatistischen Gebieten in Südamerika, in der die Menschen hierarchiefreiere und nicht-kapitalistische Gesellschaftsverträge miteinander beschließen und leben.

Perspektivisch ist es erstrebenswert in allen relevanten und lebensnotwendigen Bereichen Fuss zu fassen. So dass im Fall einer gravierenden gesellschaftlichen Veränderung, wie beispielsweise einer sozialen Revolution, diese Konzepte und Strukturen bereits vorhanden und erprobt sind.

Wir sind der Überzeugung, dass (fast)11 alle antiautoritären und anarchistischen Methoden und Ansätze ihre Berechtigung und ihren Nutzen haben. Nur im Vorhandensein (fast)12 aller antiautoritärer/anarchistischer Strömungen und Taktiken werden wir tiefgehendere gesellschaftliche Veränderungen erreichen. Dies schließt syndikalistische Strategien wie Arbeitskämpfe ebenso mit ein wie insurrektionalistische Widerstandshandlungen, gelebte anarchistische Strukturen in Kommunen und Kollektivbetrieben, solidarökonomische tauschfreie Netzwerke, rätekommunistische Gesellschaftsentwürfe oder basisdemokratisch organisierte sozio-kulturelle Stadtteilzentren. Grundsätzlich gilt, dass unsere Handlungen bereits die Ideale und Prinzipien unserer angestrebten Gesellschaft in sich tragen müssen.

5.4 Die Notwendigkeit der Organisierung

Anarchistische Praxis schon heute zu leben steht natürlich in einem Spannungsfeld mit der autoritären Lebensumgebung, in der wir uns befinden und aufwachsen. Lohnabhängigkeit, Sozialisation, gesellschaftlich dominante Diskurse und Strukturen fordern ihren Tribut.

Das bringt uns zur Notwendigkeit der Vernetzung und Organisierung.
Ganz allgemein denken wir, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, sich in einem politischen Zusammenhang zu organisieren. Zunächst ist es eine persönliche Bereicherung und Stütze, die Kontinuität verleiht. Eine Gruppe, die sich regelmäßig trifft, entwickelt – bei Beachtung gewisser kommunikativer und verhaltensbezogener Grundlagen – Vertrauen und einen respektvollen und ehrlichen Umgang miteinander. Gleichzeitig ist eine Gruppe weit handlungsfähiger als eine oder mehrere versprengte Einzelpersonen.
Kontinuierliche Arbeit oder die Realisierung größerer Projekte fällt dadurch viel leichter, wenn anfallende Aufgaben oder benötigte Ressourcen auf möglichst vielen Schultern verteilt werden.

Wieso überregional?
Viele von uns, die sich aktiv organisieren, werden irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Manche Aktionen oder Projekte können nicht realisiert werden, weil etwa die Infrastruktur, die finanziellen Mittel oder die personellen Kapazitäten fehlen. Daneben kann sich auf Dauer eine gewisse Frustration breitmachen, wenn die eigene Arbeit vor Ort stagniert und keine sichtbaren Ergebnisse nach sich zieht.
Dabei gibt es eine Vielzahl von Gruppen, Projekten und Menschen, die ähnliche Vorstellungen von einer freieren, gerechteren Welt und dem Weg dorthin haben. Für uns erscheint es daher logisch, dass diese Gruppen und Menschen sich austauschen, vernetzen und zusammenschließen. Sei es aus praktischen Gründen, um Informationen, Erfahrungen, Ressourcen und Kontakte zu bündeln, oder aber auch um sich inhaltlich und thematisch auszutauschen, zu diskutieren, Profile zu schärfen und taugliche Strategien zu entwickeln.

Das Libertäre Bündnis Ludwigsburg ist seit einigen Jahren in einer anarchistischen Föderation organisiert: Auf regionaler Ebene im Anarchistischen Netzwerk südwest (A-Netz), das aktuell 6 Gruppen umfasst. Das A-Netz wiederum ist eine Regionalföderation der FdA aus dem südwestlichen Teil von Baden-Württemberg. Die FdA hat etwa 30 Mitgliedsgruppen und ist wiederum Teil eines noch weitläufigeren Zusammenhangs: der Internationalen der anarchistischen Föderationen – IFA, die Zusammenhänge von mehreren Kontinenten umfasst.
Hier findet ihr weitere Informationen zu Grundsätzen von A-Netz und FdA

5.5 Freiräume – was heisst das für uns?

Wir verstehen Raum im gesellschaftlichen Kontext als Zusammenleben mit sozial-politischem Bezug. Räume entstehen durch soziales Handeln und sind dabei abhängig von ihren selbst auferlegten Strukturen.

Wenn wir in unserem Kontext von Freiräumen sprechen, meinen wir damit Räume, in denen wir aktiv mitbestimmen und in denen bewusst gesellschaftliche Zwänge und Herrschaftsstrukturen wie Diskriminierung abgelehnt, abgebaut und bekämpft werden. Das Ziel ist Menschen ein Umfeld zur freien Entfaltung zu geben, den sie in der Gesellschaft nicht finden können. Es sollen Möglichkeiten eröffnet werden, um neue Wege des Zusammenlebens ausprobieren und umsetzen zu können. Hierarchiefreier, gewaltfreier, achtsamer, solidarischer, partizipativer wünschen wir uns diese Räume. Natürlich stellt der Anspruch des Mitbestimmens und “frei seins” von Diskriminierung alle Beteiligten vor permanente Herausforderungen: Schule, Ausbildung, Lohnarbeit nehmen den Großteil unserer Zeit in Anspruch. Außerdem sind wir alle innerhalb dieser gesellschaftlichen Verhältnisse aufgewachsen und haben folglich auch gesellschaftliche Bilder und Machtstrukturen verinnerlicht.

Damit ein Raum zum Freiraum werden kann, benötigt es Ideen und den Willen etwas zu verändern. Es braucht Mut, einengende gesellschaftliche Vorstellungen über Anforderungen und Konventionen abzulegen und diese durch alternative Lebensentwürfe zu ersetzen.
Freiräume entstehen durch selbst ernannte rahmengebende Übereinkünfte. Das kann eine oberste Maxime sein in dem das Streben nach einem freien, emanzipatorischen, solidarischen und gewaltfreien Zusammenleben verankert wird. Nach dieser Grundlage richten sich weitere Vereinbarungen aus, beispielsweise die Form wie ein Raum organisiert wird und welche Absprachen es gibt, um dem Leitgedanken im Hier und Jetzt gerecht zu werden.

Wenn wir Herrschaft ablehnen, werden wir uns nicht hierarchisch organisieren. Im Gegenteil, wir werden unsere eigenen Strukturen regelmäßig dahingehend reflektieren, ob und warum sich Machtzentren herausbilden, um dem etwas entgegensetzen zu können. Ist die Kommunikation transparent? Werden alle Beteiligten gehört? Können sich alle informieren und konstruktiv einbringen? Wo und wieso entsteht Ausgrenzung? Gibt es bewusstes und unbewusstes diskriminierendes Verhalten? Wie werden Ideen eingebracht, wie und auf welcher Ebene werden Entscheidungen getroffen, wie werden Projekte umgesetzt? Wie werden Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt? Wofür und zwischen wem braucht es Absprachen und wo nicht? Wo können Interessens- und Gesinnungsgemeinschaften autonom handeln? Was wird wann und wieso gegenseitig erwartet? Welche Vereinbarungen müssen verändert, verworfen oder angepasst werden? Zu diesen Übereinkünften gehört auch ein gemeinsames Verständnis darüber, welche Verhaltensweisen nicht erwünscht sind, warum sie es nicht sind und welche Handlungskonzepte und Verantwortlichkeiten dies nach sich zieht.

Das kann im Kleinen für ein soziokulturelles Zentrum oder für virtuelle Räume gelten. Dies gilt ebenso für weitläufigere Zusammenhänge wie föderative Strukturen oder gar überregionale Gesellschaftsverträge. Innerhalb dieser rahmengebenden Vereinbarungen kommen Menschen zusammen, handeln und gestalten Freiräume.

Wir wollen diese Gesellschaft verändern, und üben daher eine schonungslose Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Da wir uns als Teil dieser Gesellschaft begreifen, richten wir den Blick aber ebenfalls auf uns selbst. Dabei soll es nicht bei Kritik bleiben. Es geht uns immer auch darum, Alternativen durch Freiräume aufzuzeigen und umzusetzen. Persönliche Veränderungen als elementarer Teil einer politischen und gesellschaftlichen Veränderung der Machtverhältnisse in menschlichen Beziehungen, können hier stattfinden. Wir nutzen Freiräume, um Teile unserer geliebten Utopie in unserem Zusammenleben aktiv zu gestalten und zu erproben, frei von der Beherrschung durch Andere.
Das gelingt nicht von einem Tag auf den anderen, sondern erfordert stetige Weiterentwicklung und die Bereitschaft die eigene Rolle im Zusammenleben zu reflektieren. So kann ein Raum auch den Platz bieten, sich Fehler einzugestehen und an ihnen zu arbeiten, etwas, das in der Gesellschaft viel zu oft als Versagen betrachtet wird.

Wenn ein Raum geschaffen wird, in dem Alternativen zum Alltag gelebt werden können, bietet er für die unterschiedlichsten Menschen Freiräume zur Verwirklichung von selbstbestimmtem und solidarischem Leben.
Der Raum als Freiraum wird so nicht durch die ihn umgebenden Wände bestimmt. Er wird durch die Ideen und Strukturen, die in ihm wachsen und durch die Menschen, die diese prägen, geschaffen.

6. Schluss

Wir sind daran interessiert, mit vielen Menschen in einen konstruktiven Austausch zu treten. Falls du Anregungen und Fragen zu unserem Text oder Interesse an einer weiteren Auseinandersetzung mit anarchistischer Theorie und Praxis hast, schreib uns gerne per Mail an: lb-hoch2@riseup.net oder folg uns auf Facebook oder Twitter . Oder sprich uns an. Vielleicht sehen wir uns bei der ein oder anderen Aktion, im Anarchistischen Café oder einem Umsonstflohmarkt. Wir würden und freuen!

Ansonsten verbleiben wir hoffnungsvoll und aktiv darauf hinarbeitend, diese unsere Gesellschaft zu einem Freiraum für alle Menschen zu machen und beenden unseren Beitrag mit einem Zitat von Emma Goldmann: “Wir forder[n] Freiheit und das Recht auf Selbstentfaltung, das Recht eines jeden Individuums, Schönes und Sinnvolles zu tun.”

Für den libertären Kommunismus!

7. Buchtipps zum Weiterlesen…

Gesellschaftskritik

  • Hermann Lueer: Kapitalismuskritik. Und die Frage nach der Alternative. Erschienen bei Syndikat A. Moers, 2015.
  • jour fixe initiative (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft. Erschienen bei Unrast Verlag. April 2000.
  • Gisela Notz: Feminismus. Erschienen bei Papyrossa Verlag. 2018.
  • Lea Bretz/Nadine Lantzsch: Queer_Feminismus. Laberl & Lebensrealität. Erschienen bei unrast transparent. Münster, 2013.
  • Natasha A. Kelly (Hg.): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Erschienen im UNRAST-Verlag, Münster 2019.
  • Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus. Erschienen bei Bertelsmann Verlag. München, 2008.

Theorie und Praxis – alternative Konzepte, Projekte und Gesellschaftsmodelle

  • Martin Veith: Die anarchosyndikalistische Gewerkschaft. Broschüre. Erschienen bei Syndikat A. 2000.
  • Mathias Mendyka: Libertäre Schulkritik und anarchistische Pädagogik. Erschienen bei Verlag Edition AV. 2016.
  • Rehzi Maltahn (Hg.): Strafe und Gefängnis. Theorie, Kritik, Alternativen. Black Books. Erschienen bei Schmetterling Verlag. Stuttgart, 2019.
  • Melanie Brazzell (Hg.): Was macht uns wirklich sicher? Ein Toolkit zu intersektionaler transformativer Gerechtigkeit jenseits von Gefängnis und Polizei. Erschienen in edition assemblage. Münster, 2018.
  • Ann Wiesental: Antisexistische Awareness. Ein Handbuch. Erschienen bei Unrast Verlag. Münster, 2017.
  • Georg Wolter: Auf dem Weg, Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela. Erschienen bei die Buchmacherei. 2012.
  • Luz Kerkeling: Resistencia!. Südmexiko: Umweltzerstörung, Marginalisierung und indigener Widerstand. Erschienen bei Unrast Verlag. Münster, 2013.
  • Anja Flach u.a. (Hg.): Revolution in Rojava. Frauenbefreiung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo. Erschienen bei VSA: Verlag Hamburg. Hamburg, 2018.

Anarchistische Theorie und Klassiker

  • Errico Malatesta: Anarchistische Interventionen. Ausgewählte Schriften (1892-1931). Klassiker der Sozialrevolte Band 23. Erschienen bei Unrast Verlag. 2014.
  • Pjotr Kropotkin: De Eroberung des Brotes. Erschienen bei Alibri Verlag. Neuaufl. 2014.
  • Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie. Erschienen bei Nautilus Verlag. 2014.
  • Alexander Berkmann: ABC des Anarchismus.
  • Horst Stowasser: Anarchie! Idee – Geschichte – Perspektiven. Erschienen bei Nautilus Verlag. 2007.
  • Lucien van der Walt, Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus. Erschienen bei Verlag Nautilus. 2013.

8. Quellenverzeichnis

Allex, A./Demiel, D.: Der Selbstbestimmung von Trans* zum Durchbruch verhelfen. In: Katzer, M./Voß (Hg.): Geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung. Praxisorientierte Zugänge. Gießen 2016.

die plattform (2018): Über die Bedingungen, unter denen wir kämpfen und den Zustand der anarchistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum – Die Schaffung einer revolutionären plattformistischen Organisation. In: Kollektive Einmischung. Anarchokommunistische Schriftenreihe. Ausgabe 1.

Elias, Basil: Dismantling the Boy‘s Club. Eine kritische Auseinandersetzung mit männlichen Privilegien und Sexismus in der anarchistischen Bewegung. Übersetzt ins Deutsche von FABZI. Dortmund 2018.

Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen: Über die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen [Online:] https://fda-ifa.org/fda-ifa/. [22.05.2020]

jour fixe initiative (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft. April 2000.

Kooky: Tief in der Gedankenwelt eines “Manarchist hoch zehn”. In: Dismantling the boys club. Eine kritische Auseinandersetzung mit männlichen Privilegien und Sexismus in der anarchistischen Bewegung. Übersetzt ins Deutsche von FABZI. Dortmund 2018 S. 60-66.

Sauer, A.T. u.a.: Intersektionale Beratung von / zu Trans* und Inter*. Ein Ratgeber zu Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und Mehrfachdiskriminierung. In: TransInterQueer e.V.: Intersektionale Beratung von / zu Trans* und Inter*. Ein Ratgeber zu Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und Mehrfachdiskriminierung. Berlin 2016.

TransInterQueer e.V.: TRANS*. TrIQ informiert zum Thema Transgeschlechtlichkeit. 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2013.

Fussnoten

1Mehr hierzu beispielsweise in: Natasha A. Kelly (Hg.): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Erschienen im UNRAST-Verlag, Münster 2019.

2of Color/People of Color (PoC): Das ist eine selbst gewählte Bezeichnung von verschiedensten Menschen, die sich als nicht-weiß definieren. In der Mehrheitsgesellschaft gilt weiß nach wie vor als Norm und nicht-weiß als Abweichung davon. Was PoC miteinander verbindet, sind geteilte Rassismuserfahrungen, Ausgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft und kollektive Zuschreibungen des „Andersseins“. In weiß dominierten Gesellschaften sind nicht-weiße Menschen seit der Kolonialzeit von Rassismus und Diskriminierung betroffen – bis heute.

3weiß“ ist keine ermächtigende Selbstbezeichnung wie „Schwarz“ oder „of Color“, sondern eine privilegierte Position innerhalb eines rassistischen Systems. Deshalb wird „weiß“ klein und kursiv geschrieben.

4Mehr hierzu beispielsweise in: Hermann Lueer: Kapitalismuskritik. Und die Frage nach der Alternative. Erschienen bei Syndikat A. Moers, 2015.

5Mehr hierzu beispielsweise in:

  • Gisela Notz: Feminismus. Erschienen bei Papyrossa Verlag. 2018.
  • Lea Bretz/Nadine Lantzsch: Queer_Feminismus. Laberl & Lebensrealität. Erschienen bei unrast transparent. Münster, 2013.
  • Natasha A. Kelly (Hg.): Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Erschienen im UNRAST-Verlag, Münster 2019.

6Mehr hierzu beispielsweise in: Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus. Erschienen bei Bertelsmann Verlag. München, 2008.

7Mehr hierzu beispielsweise in: jour fixe initiative (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft. April 2000. Unrast Verlag.

8Mehr hierzu beispielsweise in: Mathias Mendyka: Libertäre Schulkritik und anarchistische Pädagogik. Erschienen bei Verlag Edition AV. 2016.

9Mehr hierzu beispielsweise in: Rehzi Maltahn (Hg.): Strafe und Gefängnis. Theorie, Kritik, Alternativen. Black Books. Erschienen bei Schmetterling Verlag. Stuttgart, 2019.

10Mehr hierzu beispielsweise in: Lucien van der Walt, Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus. Erschienen bei Verlag Nautilus. 2013.

11nicht inbegriffen sind z.B. sogenannte Anarch@kapitalist*innen und nationale Anarchist*innen

12nicht vermittelbare, unangemessene Aktionen der Propaganda der Tat