Wir lassen uns für Rassismus nicht instrumentalisieren – Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus!

Mit diesem Text wollen wir Folgendes klarstellen:

  • Wir solidarisieren uns mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt
  • Wir positionieren uns gegen Rassismus und die Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt
  • Wir fordern eine kritische und differenzierte Auseinandersetzung über Sexismus und sexualisierte Gewalt
  • Wir fordern die Umsetzung angemessener Präventions- und Interventionsmöglichkeiten

1. Solidarität mit den Betroffenen
In der Silvesternacht auf 2016 waren in Köln und anderen deutschen Städten viele Frauen sexualisierter Gewalt an öffentlichen Plätzen ausgesetzt. Wir erkennen das schreckliche Ausmaß dieser Gewalttaten an und solidarisieren uns mit den Betroffenen der Silvesternacht. Ebenso stehen wir zu allen weiteren Betroffenen, die sexualisierte Gewalt erfahren oder erfahren haben. Das Erleben sexualisierter Gewalt kann für Betroffene gravierende Auswirkungen haben: Für viele wird das Vertrauen in Sicherheit und zwischenmenschliche Beziehungen erschüttert. Ein sexueller Übergriff ist eine massive Verletzung der körperlichen und sexuellen Integrität. Wir fordern, dass den Betroffenen jetzt alle Unterstützung und Hilfe zukommt, die sie benötigen.

2. Instrumentalisierung und Rassismus
Konsequentes Handeln gegen sexualisierte Gewalt ist notwendig und unabdingbar. Wenn aber feministische Anliegen dazu instrumentalisiert werden, rassistische Ressentiments zu schüren und die Asylgesetzgebung zu verschärfen, schaden die Debatten einer weiterführenden emanzipatorischen Praxis. Genau das passiert leider gerade in den öffentlichen Auseinandersetzungen und Forderungen nach der Silvesternacht in Köln und anderen Städten.
Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter keine weißen, „deutschen“ Männer sind. Sie darf auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Betroffenen (vermeintlich) weiße Frauen sind. Das Problem der aktuellen Auseinandersetzungen ist die Fokussierung über die vermeintlichen Herkunftsländer und Kulturzugehörigkeiten der Täter, anstatt auf das Erlebte der Betroffenen, nämlich die sexualisierte Gewalt einzugehen. So entsteht der Eindruck, dass „nichtdeutsche“ junge Männer das Problem und die Urheber sexualisierter Gewalt seien. Forderungen zur Verschärfung des Asylrechts und des Bleiberechts werden laut, die Erhöhung und Anpassung des lückenhaften Strafrechts bei sexualisierter Gewalt bleibt ungefordert. Es werden viele Menschen, denen ein anderes Herkunftsland zugesprochen wird, unter Pauschalverdacht gestellt. Im gleichen Zug sprechen sich die Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft von Sexismus frei. Das hieße die vermeintlich „anderen“ bringen geschlechtsspezifische Gewalt und Frauenverachtung mit sich, die es so in Deutschland nicht gibt und auch nicht mit den Werten in Deutschland oder gar Europa vereinbar ist. Ähnlich verhält es sich aus diesem verzerrten Blickwinkel mit anderen Ausgrenzungs- und Diskriminierungsformen: Als gäbe es hier keine Anfeindungen gegen Homosexuelle, Juden und Jüdinnen.

Betrachten wir aber die Äußerungen, die außerhalb der Debatte um Silvester in Köln und anderen Städten, von der AfD, den „Besorgten Eltern“, der NPD, weiteren rechtspopulistischen Organisationen und Gruppierungen und des Öfteren auch Vertreter*innen der renommierten bürgerlichen Parteien getätigt werden, kommen wir zu einem anderen Schluss (siehe Abschnitt 3.): Es geht in weiten Teilen der aktuellen öffentlichen Auseinandersetzung nicht in erster Linie darum, dass Phänomene menschenverachtender Einstellungen wie Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus aktiv kritisiert, analysiert und angegangen werden müssen. Es geht weniger um den Inhalt einer Äußerung oder einer Tat, als um die Frage danach, welche Person mit welchem angenommenen Backround selbige verübt hat. Das sind für uns deutliche Anzeichen von Rassismus und Nationalismus.

3. Über den Erhalt der Geschlechterungleichheit und geschlechtsspezifischer Gewalt
Die Aufrechterhaltung der zugesprochenen Rollen und Verhaltensmuster für Männer und Frauen mitsamt den altherkömmlichen Familienhierarchien, der ungleichen Arbeitsaufteilung, Repräsentation in der Öffentlichkeit und der Mitbestimmung ist eine Erhaltung und Fortsetzung von Ungleichheit, von Macht und Ohnmacht. Kurz und bündig: Die Reproduktion von Patriarchat und Sexismus, wobei sexualisierte Gewalt eine besonders widerwärtige Erscheinungsform dieser Unterdrückung darstellt. Sexualisierte Gewalt hat viele Gesichter und ist allgegenwärtig. Durch anzügliche Blicke, sexistische Werbung, verbale Äußerungen, Witze, Aufdrängen in der S-Bahn, Vergewaltigungsszenen sexy eingebettet in die Filmstory, sexuelle Belästigung, Angrapschen, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.

Statistiken zufolge sind in über 95% der Fälle Männer die Täter bei sexualisierter Gewalt. Sexualisierte Gewalt lässt sich demnach auf entsprechende gesellschaftliche Rollenmuster zurückführen und auf die damit verbundene Durchsetzung von Macht zum Erhalt der Ungleichheit in den Geschlechterverhältnissen. Bildung und sozialer Status der Täter sind laut Studien nicht ausschlaggebend, auch die Herkunft spielt eine untergeordnete Rolle. Besonders häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind Asylbewerberinnen, inhaftierte Frauen, Prostituierte und Frauen mit Behinderungserfahrungen. Das sind diejenigen Frauen, die neben Sexismus weiteren Diskriminierungsformen ausgesetzt sind. Die entweder nicht dieselben Rechte und Möglichkeiten haben und dadurch schnell in Abhängigkeit geraten können (gesetzliche Diskriminierung, kein Zugang zum Hilfesystem, Verständigungsprobleme), risikoreichen Situationen ausgesetzt sind (Pflegebedürftigkeit, Inhaftierung, Flucht, Ungenügender Schutz in Sammelunterkünften, Zwangsprostitution) oder die gesellschaftlich ausgegrenzt und nicht anerkannt sind.

Dass sexualisierte Gewalt seit Jahren nicht mal im Ansatz zur Genüge thematisiert und angegangen wurde, beweisen die bisher erhobenen Statistiken: 2014 ergab eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), dass mehr als die Hälfte aller Frauen bereits sexuell belästigt wurde und ein Drittel sexualisierte und/oder physische Gewalt erlebte. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist jährlich mehr als 7.300 angezeigte Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen in Deutschland aus, das sind zwanzig jeden Tag.
Die größte Gefahr bei geschlechtsspezifischer Gewalt besteht für Frauen in ihren „eigenen vier Wänden“. Ein Großteil der Täter sind Beziehungspartner, Bekannte und Familienangehörige. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher als die Daten der Polizeistatistiken. Hier sind wir wieder bei den Schuldzuweisungen nach außen: Es ist notwendig zu begreifen, dass sexualisierte Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Dabei sind Übergriffe in der Öffentlichkeit wie an Silvester seltener. Am häufigsten findet die Gewalt im privaten Umfeld statt, wo sie viel zu oft verschwiegen, hingenommen (von Bekannten, in der Familie), kleingeredet, die Schuld der Frau gegeben, geleugnet und nicht angezeigt wird. Hierfür gibt es sicherlich mehrere Gründe. Einer davon ist, dass diese häusliche Ausübung der Gewalt nicht in das bekannte Schema, das in der Gesellschaft weit verbreitet ist, passt: Dunkler Park, ein fremder vermummter Mann, viel physische Gewalt, Vergewaltigung. Das sind Mythen, die Frauen daran hindern sich Unterstützung zu holen.
Rape Culture bezeichnet eine Kultur, die Vergewaltigungen verharmlost (beispielsweise als »Sex-Attacken« beschreibt), Frauen eine Mitschuld gibt und Vergewaltiger ermutig. Sie findet sich auch in Deutschland wieder und muss aktiv bekämpft werden. Sich nicht auf die Seite der Täter zu stellen liegt in der Verantwortung eines/einer jeden einzelnen – und zwar immer, ausnahmslos, auf jede Erscheinungform sexualisierter Gewalt bezogen und nicht nur dann, wenn es um Übergriffe außerhalb des eigenen sozialen Gefüges (Familie, Freundes- und Kollegenkreis, Klasse…) geht.

4. Forderungen:
Es braucht aufmerksamkeitsstarke Kampagnen im öffentlichen Raum, die deutlich machen, dass die Grenzen anderer Personen und deren sexuelle Integrität unantastbar sind. In der Familie, in der Beziehung, auf der Arbeit, in der Disco, auf dem Volksfest, in der Öffentlichkeit. Die (potenziellen) Täter haben Verhaltenstipps nötig, nicht die (potentiellen) Betroffenen. Und es bedarf einer gesellschaftlichen Debatte über das Geschlechterverhältnis. Gebraucht wird Aufklärung und Sensibilisierung, die im Kindergarten beginnt und sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht. Unterstützungsangebote für Betroffene, wie Fachberatungsstellen und Frauenhäuser leisten solche Sensibilisierung seit mehr als 30 Jahren, weitgehend unterbezahlt und prekär. Auch hier ist die Politik gefordert, die aktuell angemahnte Bekämpfung dieser Gewalt mit finanziellen Mitteln zu unterlegen. Die Maßnahmen dürfen sich nicht auf kurzfristige Reaktionen auf gemeldete Übergriffe beschränken. Denn sexualisierte Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und muss gesamtgesellschaftlich bekämpft werden.

Wir schließen uns #ausnahmslos in den folgenden Abschnitten an:
“Alle Menschen sollen sich von klein auf, unabhängig von ihrer Ethnie, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder Lebensweise, sicher fühlen und vor verbalen und körperlichen Übergriffen geschützt sein: egal ob auf der Straße, zu Hause, bei der Arbeit oder im Internet. Ausnahmslos. Das sind die Grundlagen einer freien Gesellschaft.

Für diese politischen Lösungen setzen wir uns ein:
1. Die Arbeit der Beratungsstellen muss gestärkt und ihr Angebot ausgebaut werden, einschließlich Therapiemöglichkeiten und besserem, schnelleren Zugang zu Therapieplätzen. Auch die Arbeit von Frauenhäusern muss gestärkt und vor allem finanziell ausreichend abgesichert werden. Alle Beratungsstellen und -angebote müssen barrierefrei sein.
2. Die Gesetzeslage muss angepasst werden: Sexuelle Belästigung ist in Deutschland immer noch keine eigenständige Straftat. Und ob eine Vergewaltigung als strafbar gilt, wird zum Beispiel auch daran festgemacht, ob sich die betroffene Person ausreichend zur Wehr setzte.
3. Mehr öffentliche Aufklärungsarbeit hilft, Gewalt zu vermeiden, und signalisiert den Betroffenen, dass sie sich Hilfe holen und mit gesellschaftlicher Unterstützung rechnen können. Wir möchten dafür sensibilisieren, dass die Gefahr, Sexismus und sexualisierte Gewalt zu erleben, im engen sozialen Umfeld besonders groß ist und in allen gesellschaftlichen Gruppen vorkommt.
4. Auch eine geschlechtersensible Pädagogik kann (sexualisierter) Gewalt vorbeugen. Dazu zählt nicht zuletzt die Aufklärung über Geschlechterstereotype und die Bedeutung von Sprache.
5. …

Für diese gesellschaftlichen Lösungen setzen wir uns ein:
6. Die Debatte über sexualisierte Gewalt muss offen, kritisch und differenziert geführt werden. Dazu gehört die Analyse, Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt. Dringend muss auch über Auswirkungen gesellschaftlicher Stigmatisierung von Betroffenen sexualisierter Gewalt gesprochen werden.
7. Betroffene sexualisierter Gewalt müssen ernst genommen werden. Es darf keine Täter_innen-Opfer-Umkehrung, wie in Form von Verhaltensregeln für Betroffene, und keine Verharmlosung geben.
8. Sexismus und Rassismus sind nicht Probleme „der Anderen”: Wir alle sind von struktureller Diskriminierung geprägt und müssen erlernte Vorurteile erst einmal reflektieren, um sie abzulegen.
9. Wer Zeug_in von sexualisierter Gewalt und Sexismus wird, sollte nicht wegschauen, sondern eingreifen – von Hilfe und Beistand bei sexualisierten Übergriffen bis zum Einspruch gegen sexistische Sprüche, „Witze“ oder Werbung.

Für diese medialen Ansätze setzen wir uns ein:
10. Die mediale Berichterstattung über sexualisierte Gewalt darf die Opfer nicht verhöhnen und die Taten nicht verschleiern. Täter sollten nicht als „Sex-Gangster” oder „Sex-Mob” beschrieben – da sexualisierte Gewalt nichts mit Sex zu tun hat – und häusliche Gewalt nicht als „Familien-” oder „Beziehungsdrama” verharmlost werden.
11. Sexismus und andere Diskriminierungsformen müssen als Nährboden für sexualisierte Gewalt verstanden und als reale und bestehende Probleme anerkannt werden. Es muss ernst genommen werden, wie die mediale Darstellung u.a. weiblicher Körper als Lustobjekte mit sexualisierter Gewalt verknüpft ist. Sexismus darf weder im Alltag noch in der Werbung und in den Medien Platz haben.
12. Das Problem des Sexismus und der sexualisierten Gewalt darf nicht „islamisiert“ und damit pauschal einer Religion und ihren – häufig vermeintlichen – Angehörigen zugeschrieben werden. Damit werden mindestens 5 Millionen Menschen in Deutschland unter Generalverdacht gestellt. Redaktionen sollen reißerische und stigmatisierende Deutungen vermeiden, denn diese ziehen konkrete negative Folgen für Mitglieder unserer Gesellschaft nach sich.
13. Die Bildsprache ist frei von rassistischen und sexistischen Klischees zu halten. Bilder wirken unterbewusst und können selbst eine differenzierte Berichterstattung torpedieren.
14. Redaktionen müssen vielfältiger werden. Nach wie vor sind nur ein Bruchteil der Journalist_innen in Deutschland nicht-deutscher Herkunft und Berufswege stehen vor allem Menschen mit formal hoher Bildung offen. Männlich, heterosexuell und weiß dominierte Chefredaktionen tragen dazu bei, dass Themen, die andere Geschlechter, Ethnien und Minderheiten betreffen, nicht mit ausreichend Raum und Kompetenz behandelt werden.“

5. Für diesen Text herangezogene Quellen und Seiten zum Weiterlesen:
frauen-gegen-gewalt.de: Stellungnahme zu den Übergriffen in der Silvesternacht
ausnahmslos.org/
lka.tumblr.com/: Beitrag zur Debatte um die sexuellen und sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht